Freund oder Feind: Selbstmord auf Raten

Ich habe bis an den Rand des Wahnsinns geliebt oder was man so Wahnsinn nennt.
Doch für mich ist das die einzig vernünftige Art der Liebe.
– Francais ce Cargon –

Hier geht es nicht um Mord und Totschlag sondern um die Liebe. Der Unterschied ist in vielen Fällen sehr schwimmend. Zumindest in meiner persönlichen Wahrnehmung. Wenn wir den Menschen den wir lieben verlieren oder merken das er uns entgleitet, dann ist dieses Gefühl wie ein kleines bisschen Sterben. Emotionen können so sehr schmerzen, als wären sie in Fleisch und Blut geschrieben worden. Ein Gefühl, als ob der Brustkorb zusammen gedrückt wird und jeder Atemzug so unglaublich schwer fällt. Man hat das Gefühl, dass ein heißes Eisen quer durch den Solarplexus getrieben wird. Und wenn dieser Zustand dann noch von Hoffnungslosigkeit begleitet wird, scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, als endlose, zerreißende Schmerzen.

Der rationale Verstand arbeitet durchaus noch hinter dieser Wand aus Leid. Und ja, klar weiß man das es weiter gehen wird. Man weiß das der Schmerz irgendwann abebben wird. Man ist sich der Tatsache bewusst, dass es in ganz kleinen Schritten nach dem tiefen Fall wieder bergauf gehen wird. Ja, ja – alles schon klar aber in diesem Moment vollkommen egal. In diesem Moment möchte man nur, dass dieser Schmerz aufhört. Und meisten verirrt man sich bei diesem Versuch. Ich bilde da leider keine Ausnahme – was ich natürlich jederzeit abstreiten würde.

 Der Krieg beginnt mit Sympathie und wandelt sich in Verehrung.
Und wird durch Wahn und Manie die Symphonie der Zerstörung.
Reiß mein Herz raus, schalt den Schmerz aus.
Ein Teufelskreislauf. Am Ende scheiß drauf.
– Thomas D. –

Was macht dann der ach so tolle und rationale Mensch? Er klammert sich an das aller letzte Stück Hoffnung und verwandelt sich meistens in eine flehende, armselige Gestalt – ohne Stolz und komplett unter seinem Niveau. Nur damit für einen kleinen Moment der Schmerz nachlässt. Einen Verlust zu überwinden ist sicher einer der schwierigsten Situation, die wir in unserem Leben zu stemmen haben. Aber macht dieses Klammern es denn wirklich besser? Wenn etwas zur Vergangenheit wird, ist es dann nicht definitiv besser mit dem Prozess der „Trauerbewältigung“ so schnell wie möglich zu beginnen?

Trauerprozess in vier Phasen nach Kast

Erste Phase
Nicht-Wahrhaben-Wollen: Der Verlust wird verleugnet, der oder die Trauernde fühlt sich zumeist empfindungslos und ist oft starr vor Entsetzen.: „Es darf nicht wahr sein, ich werde erwachen, das ist nur ein böser Traum!“

Zweite Phase
Aufbrechende Emotionen: In der zweiten Phase werden durcheinander Trauer, Wut, Freude, Zorn, Angstgefühle und Ruhelosigkeit erlebt, die oft auch mit Schlafstörungen verbunden sind.

Dritte Phase
Suchen, finden, sich trennen: In der dritten Trauerphase wird der Verlorene unbewusst oder bewusst „gesucht“ – meistens, wo er im gemeinsamen Leben anzutreffen war (in Zimmern, Landschaften, auf Fotos, auch in Träumen oder Phantasien …). Mit der Wirklichkeit konfrontiert, muss der oder die Trauernde immer wieder lernen, dass sich die Verbindung drastisch verändert hat.

Vierte Phase
Neuer Selbst- und Weltbezug: In der vierten Phase ist der Verlust soweit akzeptiert, dass der verlorene Mensch zu einer inneren Figur geworden ist. Lebensmöglichkeiten, die durch die Beziehung erreicht wurden und die zuvor nur innerhalb der Beziehung möglich gewesen sind, können nun zum Teil zu eigenen Möglichkeiten werden.

Soviel zur Theorie. In dem vergangenen 1,5 Jahren bin ich durch eine sehr harte Schule gegangen. Wenn ich jetzt rückblickend diese Zeit betrachte, dann wundere ich mich selber, dass ich überraschend gestärkt und mit einem anderen Weltbild daraus hervorgegangen bin. Ich musste sehr, sehr viel Trauerarbeit leisten. Teilweise ist es mir sehr gut gelungen, obwohl der Prozess nicht minder schmerzhaft war, und teilweise hänge ich immer noch irgendwo zwischen der dritten und vierten Phase fest. Leider entwickle ich auch gelegentlich den Hang, mich wieder in der zweiten Phase zu verlieren. Und jetzt hier beim Schreiben – kommen alle diese Gefühle wieder hoch.

Natürlich kann man dieses Verhalten rational und psychologisch begründen. Schon klar – trotzdem doof. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich mich bei einem Verlust nicht wie eine hormongesteuerte Göre veralten möchte und kann. Nur leider hat das meiner inneren Göre noch keiner nachdrücklich klar gemacht. Meine Umwelt wird regelmäßig von meinen Pseudo-Psycho-Kram heimgesucht. In 80 Prozent aller Fälle, wird mir (manchmal erst im Nachhinein) recht gegeben. Das ist der Moment an dem ich immer denke: „Würdest du nur 50 Prozent deiner Ratschläge selber befolgen, dann wäre dein Leben um einiges leichter.“ Also leide ich heute Abend einfach still ein bisschen weiter.

Aber ich bin felsenfest davon überzeugt:
Nimmst du einem Menschen die Hoffnung, dann raubst du ihm seine Seele.

Warum gerade jetzt dieser Beitrag? Ein Mensch der mir sehr am Herzen liegt, steht gerade vor dem Eintritt in die erste Phase und kann und will nicht loslassen. Klammern an das letzte bisschen Hoffnung – vielleicht wird diese Beharrlichkeit belohnt. Vielleicht begeht diese Person einfach nur einen sehr schmerzhaften Selbstmord auf Raten. Hoffen wir das beste!!!

Eure Julusch

Ein Gedanke zu “Freund oder Feind: Selbstmord auf Raten

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