Freund oder Feind: Selbstmitleid vs. Therapeut

Gestern war mal wieder so ein Tag, an dem man sich am Abend nur noch wie ein Kätzchen zusammen rollen möchte. Die Welt um einen herum vergessen und sich in Selbstmitleid suhlen. Solange bis jemand kommt und einem zärtlich den Nacken krault. Sobald aller Selbstmitleid in ein wolliges schnurren übergegangen ist, wird alles wieder gut.

Es gibt nur zwei kleine Parameter, die mich leider immer daran hindern es auch zu tun. Selbstmitleid funktioniert nicht so gut bei mir. Es fällt mir schwer das Leid in mir selbst anzuerkennen. Warum jammern wenn man gegen das Leid etwas machen kann? Wo liegt da der tiefere Sinn? Und der zweite Parameter ist wohl das Glück in meinem Leben, dass ich zu jeder Tag und Nacht Zeit jemanden zum Reden habe. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag. Wenn also etwas emotional schlimmes passiert oder ich einfach nur mal meinen Frust loswerden will, dann kann ich das in der Regel auch direkt. Hätte ich diese Stütze nicht, dann würde es um mich sicher auch anders stehen. Und dieser Punkt hat mich zum Nachdenken gebracht.

Ich kenne da jemanden, der jemandem kennt … usw., ihr wisst schon wie es weiter geht.

Dieser jemand, nennen wir ihn einfach die Kopfkrisentante (Ja meine Liebe, das war ein sehr lieb gemeinter Seitenhieb), ließ in einem Gespräch mit mir einige Aussagen fallen, die mich in höchster Alarmbereitschaft versetzten. Bereits vor einigen Wochen erwähnte sie, dass sie in einem speziellen Fall nichts unternimmt, weil sie sich nicht aufraffen kann. Okay, diese Aufgabe erledigt man nicht zwischen Tür und Angel, also verstand ich sie.

Bei einem weiteren Gespräch in den letzten Tagen, sprachen wir wieder über dieses Thema. Dabei kam heraus, dass sie sich zu fast nichts mehr aufraffen kann. Ich bat um eine detailliertere Erklärung. Tante Kopfkrise neigt generell dazu, sich sehr vielen Gedanken zu machen, auch gerne um Situationen, die noch gar nicht eingetroffen sind. „Aber wenn …. Sätze“ sind hier stets Programm und die Kopfkrisen die darauf resultieren sind durchaus ernst zu nehmen. Jedoch war sie trotz dieser gelegentlichen „Tiefen“ eine Person, die unglaublich viel leistet. Jeden einzelnen Tag kann ich meinen Hut vor ihr ziehen, ich könnte das nicht. No way! Sie empfindet dieses Pensum als „normal“ und nimmt meine Aussagen wohl nicht so ernst, wenn ich sie dafür lobe oder bewundere.

Und jetzt das … schlimme Antriebslosigkeit! Bei mir gingen alle Alarmglocken an und wenn ich nun alles zusammen nehme, dann schreit hier alles nach einer Depression.

Ich kenne den Hintergrund ihres Lebens und war bei einigen sehr schlimmen Tiefen an ihrer Seite. Denn gerade in den letzten Monaten musste sie wirklich sehr harte psychische Rückschläge einstecken. Ganz ohne eigene Kopfkrisen und ihr Verschulden. Daher hielt sich meine Überraschung in Grenzen und das Resultat dieser wirklich existentiellen Rückschläge zeigt sich nun in voller Pracht.

Und in diesem Moment schließt sich der Kreis zum Selbstmitleid.

Das aller erste was ich in dem Moment getan habe, war vorsichtig zu fragen, ob sie nicht vielleicht über einen Therapeuten nachdenken möchte. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass ich den Verdacht habe, dass sie in eine Depression rutscht.

Natürlich hat sie es abgelehnt, weil sie sich sicher ist, mit einem Therapeuten nicht offen reden zu können. Sie kann einem Fremden ja nicht ihr tiefen Gefühle mitteilen und sich öffnen. Reden ist Silber und Schweigen ist Gold. Sicher? In solchen Fällen lehne ich mich gerne mal aus dem Fenster und sage: „Never ever.“ Auch der Vorschlag, sie könnte ja einen Termin vereinbaren und durch die aktuelle Wartezeit hätte sie immer noch genug Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen oder abzusagen, lehnte sie leider auch ab.

Sich mit anderen auszutauschen, gemeinsam Situationen zu reflektieren, sich Rat holen und auch Beistand, das sind alles Faktoren, die einfach unbezahlbar sind. Viele Menschen in meiner Umgebung hegen eine Abneigung gegen Therapeuten. Ich persönlich finde das wirklich sehr schade. Es gibt wie in jedem Beruf gute und schlechte Therapeuten. Vor vielen Jahren musste ich eine Therapie machen. Irgendwann werde ich euch davon erzählen, jetzt ist nur wichtig zu erwähnen, dass ich ohne diese Hilfe niemals so weit gekommen wäre.

Meine Krisentante versucht es jetzt alleine durch all die kleinen Dinge, an denen ich mich früher auch schon versucht habe entlang zu hangeln. Bei mir hat es am Ende leider nicht geholfen. Aber ich hoffe, dass wenigstens sie sich damit aus der Depression ziehen kann. Vielleicht auch eines Tages in der Lage ist, sich einen guten Therapeuten zu suchen. Wünschen wir ihr einfach alle gemeinsam das Beste und das sie bald Gelegenheit zum Schnurren hat.

Eure Julusch

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