Ein Abend im Leben einer pubertierenden 40-jährigen

Eigentlich bin ich noch zu aufgewühlt, um mich an diesen Beitrag zu setzen. Aber andererseits ist es die richtige Stimmung um ihn zu schreiben. Selbstverständlich muss auf den gestrigen Beitrag heute eine Fortsetzung folgen.

Gestern war nun der große Tag gewesen und ich bereitete mich am späten Nachmittag auf das Konzert vor. Einmal unter die Dusche hüpfen und anziehen, anmalen und dann kann es auch schon losgehen. Denkste! Ich war nicht gerade die Ruhe in Person und so war ich froh, dass ich mir bereits im Vorfeld Gedanken gemacht habe, was ich anziehen werde. Also schlüpfte ich in meine Kleidung und fand das Outfit grässlich. Mir geht es wie vielen Frauen vor dem Kleiderschrank – ich habe nichts anzuziehen. In diesem Fall habe ich aber recht. Vor einigen Monaten fühlte ich mich regelrecht erdrückt von all diesen vielen Sachen, die ich Besitze. Anfangen von der Kleidung bis zum letzten Kugelschreiber. Also habe ich begonnen Stück für Stück, Schublade für Schublade meinen Besitz extrem zu verschlanken. In diesem speziellen Fall bedeutet es, dass ich 90 Prozent meiner ganzen Kleidung verschenkt habe. Einfach so!

Billy

Ich besitze noch drei Hosenanzüge, vier Blusen, zehn T-Shirts, drei paar Jeans, zwei Kleider, eine kurze Short und fünf Pullover. Dazu kommt noch meine Sportkleidung. Und dann war es das auch schon.

Von den Jeans kann ich nur eine anziehen, weil die beiden anderen aufgrund ihrer Länge nur mit hohen Schuhen (12 cm) getragen werden können. Also bekam ich vor meinem Schrank eine Sinnkrise. Was war nochmal der Grund, warum ich alles verschenkt habe? Keine Ahnung und voll doof von mir. Ich kürze ab, ich ging am Ende zumindest mit Kleidung an meinem Körper aus dem Haus.

Nach und nach kamen meine beiden Freundinnen, die mich an diesem Abend begleiten würden. Genau diese beiden, die zwangsläufig den vollen Wahnsinn des Billy Idol von meinem 10 bis 20 Lebensjahr miterlebt hatten. Ob sie wollten oder nicht. Letztendlich saßen wir irgendwann im Auto und fuhren Richtung Frankfurt davon. Je näher wir kamen, umso ruhiger wurde ich. Wir gingen in die Halle, holten und etwas zu trinken und schauten uns vom Rand entspannt die Vorband an. Wer das war? Keinen Ahnung! Aber der Bassist war lustig – er sah aus wie eine Mischung aus Cousin Itt und dem Alan aus Hangover.

Um 21.00 Uhr war es dann endlich soweit. Das Licht wurde gedämmt, die Bühnenbeleuchtung ging an und die Musik begann zu spielen. Es folgten noch wenige Minuten des Spannungsaufbaus und dann stand ER da. Einfach so. Er stand einfach so vor mir. In den nächsten Minuten war mein Kopf von diesem Gedanken wie gelähmt. Er steht da wirklich. Ich meine das kann nicht sein. Das ist wirklich Billy Idol. Er steht da. Einfach so. Er hat ja sogar sein Tattoo. Julusch, natürlich hat er sein Tattoo. Es ist ja SEIN Tattoo. Und er ist ja auch er.

Billy

Man könnte meinen, dass man davon ausgehen kann, dass bei dem Besuch eines Billy Idol Konzertes, Billy Idol auch zugegen sein wird. Zumindest in der Theorie sollte es so sein. Dieses Wissen ist eines, aber ihn dort stehen zu sehen ist etwas ganz anderes. Ich meine er war wirklich da. So in echt und leibhaftig. Er war da. Keine drei Meter von mir entfernt stand er einfach da.

Irgendwann hatte mein Gehirn diese Information in Gänze verarbeitet. Und dann kamen sie, die Tränchen. Ich habe nicht geschrienen, bin hysterisch geworden oder habe irgendwas anderes in diese Art gemacht. Ich habe nur dagestanden, wie er dagestanden hat und dicke Glückstränen liefen mir über die Wangen. Ich war einfach komplett überwältigt.

In meinem ganzen Leben hätte ich nicht gedacht, dass ich dieses Gefühl einmal erleben werde. In meinen 20ern habe ich durch einen Freund sehr viele „Stars“ kennengelernt. Viele sogenannte A Promis bis hin zu B Promis und auch welche, die es erst noch werden würden. Diesen Kult der darum getrieben wurde, konnte ich nie wirklich nachvollziehen. Irgendwas in meinem Kopf hat Probleme diese „oh mein Gott, oh mein Gott, da steht der Dingsbums aus Dingsbums“ in reale Emotionen umzuwandeln. Muss man in Ehrfurcht erstarren, weil man jemanden begegnet, der über seinen Bekanntenkreis hinaus bekannt ist? Wenn ja, warum?

Aber zurück zu dem gestrigen Abend. Natürlich war ich mir bewusst, dass dieses erste „erleben und sehen“ nach diesen vielen Jahren emotional werden würde. Immerhin erfüllte ich mir einen Jugendtraum, den ich schon als „unerfüllbar“ in meine Lebensschublade gelegt hatte. Aber, dass ich in diesem Moment mein Gehirn an der Garderobe vergessen würde und mich fühlte als würde ich alle „oh mein Gott“ Menschen der Welt auf einmal sehen und das nicht als ICH sondern als DIE ANDERN, damit hätte ich nie gerechnet.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Billy Idol einen verdammten Sixpack hat?

Beim dritten Lied hatte ich mich wieder im Griff und habe es nur noch genossen. Ich habe gesungen, gefeiert und diesen Moment voll und ganz in mich aufgenommen. Und dann kam „Eyes Without A Face“ und schon wieder kullerten die Glückstränchen.

Wie ich anfangs schon erwähnte, bin ich auch heute noch ziemlich „gaga“ in der Birne. Verzeiht es mir.

Und habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Billy Idol der schönste Mann der Welt ist?

In meinem Kopf ist er in den vielen Jahren nicht wirklich gealtert und so hatte ich ein kleines bisschen Sorge, dass ich enttäuscht sein werde oder sogar entsetzt, wenn ich sehe was die Zeit aus ihm gemacht hat. Natürlich habe ich mir vorher Bilder im Internet angesehen und die gingen von WOW bis SCHRECKLICH.

Mein Lachen

Bei „Rebell Yell“ stand er genau vor uns, mit freiem Oberkörper und schrie in sein Mikrophon: „… she cried more more more …“. Und dann lachte er, er lachte über das ganze Gesicht und da war ER.

Mein durchgeknallter, vollkommen abgedrehter Punk. Der sich mit einer Regelmäßigkeit und Inbrunst bei seinen Auftritten vollgerotzt hat. Der sich skandalträchtig in den Schritt gefasst hat und Geschlechtsverkehr mit dem Bühnenboden nachgestellt hat. Er hat sich keinen Regeln und Konventionen unterworfen. Er kam besoffen oder komplett auf Drogen zu seinen Interviews und hat auch in seinem Privatleben, niemals „Billy Idol“ abgelegt.

Heute kann man darüber lachen, aber zu Beginn der 80er war es ein Skandal – er war ein laufender Skandal auf zwei Beinen.

Und dann lacht er, dieses breite Lachen das ich immer so geliebt hatte und damit hat er mich letztendlich abgeholt. Es gab keinen „dieser“ und der „damalige“ Billy mehr. Keine einzige Falte konnte mich nun dazu bewegen, in ihm nicht das zu sehen was er ist und vor allem, was er immer war. Mein Billy. Ja, klar – ich vergoss mal wieder ein Tränchen. Und nur so nebenbei – jetzt gerade auch.

Nach zwei Stunden war das Konzert vorbei. Ich war komplett aufgezogen und glücklich. Wir sind dann alle zusammen noch bis heute am frühen Morgen um die Häuser gezogen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken gewesen. Auch heute laufe ich den ganzen Tag mit einem dicken Grinsen im Gesicht herum und beglücke meine Familie mit einem ständigen Mantra: „Hab ich heute schon erwähnt, dass Billy Idol der schönste Mann der Welt ist?“ Mein Mann belächelt mich und meine Tochter kann nicht verstehen, was ich an diesem alten Mann finde. So ist das Leben.

Am Montag werde ich wieder in meinen Hosenanzug schlüpfen und nach München fliegen. Dann werde ich wieder „groß“. Aber bis dahin genieße ich die Erinnerung an einen der emotionalsten und schönsten Tage meines Lebens.

Ich verrate euch jetzt mal etwas.

Ich gehe jetzt in den Keller und hole meine Schatzkiste heraus, und dann werde ich über meinen Schreibtisch ein Poster aufhängen von Mister Billy FUCKING Idol.

Eure Julusch

2 Gedanken zu “Ein Abend im Leben einer pubertierenden 40-jährigen

  1. Pingback: I’m on a bus on a psychedelic trip | Julusch's Blog über die Leichtigkeit des Seins und andere gravierende menschliche Irrtümer

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