Freund oder Feind: Fremde Kisten in den Keller tragen

Vor etwa 20 Jahren machte ich eine seltsame Erfahrung. An einem warmen Nachmittag im Sommer, kam ich aus dem gemeinsamen Urlaub mit einer Freundin. Meine Mutter und meine Schwester waren gekommen und ich erzählte von meinen drei Wochen im Miami und wir bewunderten gemeinsam meine Einkäufe.

Im Laufe des Tages ging es mir körperlich immer schlechter. Ich bekam kaum Luft, meine Muskeln zuckten wie wild, mein Herz raste, ich schwitzte am ganzen Körper, ich zitterte so stark, das ich kaum mehr ein Glas halten konnte. Es wurde von Stunde zu Stunde und Minute zu Minute schlimmer. Ich bekam unglaubliche Angst.

Wir fuhren ins Krankenhaus und der Arzt konnte außer eine Pfötchen-Stellung meiner Hände, was auf die Atmung zurückzuführen war, nichts feststellen. Einige Zeit später beruhigte sich alles wieder. Und dann kam es wieder und wieder und wieder. Ich hatte derweil einige Ärzte aufgesucht, ich war im MRT gewesen, beim EKG, beim EEG und keine Ahnung mehr wo noch alles. Irgendwann war ich bei einem Arzt angekommen, der sich mit mir einige Minuten unterhalten hat und direkt eine Diagnose stellte.

Vegetative Dystonie – im deutschen auch Panikattacken genannt.

Ich konnte das zunächst nicht annehmen. Ich kannte die heftigen Anfälle meines Körpers und wusste, dass etwas nicht stimmt. Ich war krank und ich hatte nicht nur einfach etwas an der Klatsche. Lächerlich.

Ich kürze hier den weiteren Leidensweg etwas ab, und es war wirklich ein Leidensweg gewesen. Irgendwann habe ich die Diagnose angenommen und habe mich auf den „Heilungsprozess“ konzentriert. Ich habe also eine Therapie begonnen. Ich bin sehr offenen mit dem Thema umgegangen und war überrascht, wie viele Menschen in meinem Umfeld ebenfalls daran leiden. Selbst auf meiner Arbeitsstelle, outeten sich mehr als ich erwartet hätte. Es wurde nur nicht laut darüber gesprochen, weil die meisten Reaktionen in etwa meiner ersten entsprachen.

Ich lernte, dass viele unterdrückte Gefühle und Ängste Panikattacken auslösen. Ich lernte ebenso, dass ich ein „Meister der Kellerkisten“ war. Zu Beginn meines jungen Lebens habe ich negative Erfahrungen in eine Kiste gepackt, sie zugenagelt und sie in meinen geistigen Keller getragen. Im Laufe der Jahre wurden es immer mehr Kisten und irgendwann wollte ich den Keller auch nicht mehr betreten.

Die Kisten wurden weiterhin gepackt, ich habe sie zugenagelt, zur Sicherheit noch die Ritzen zugeklebt und sie dann einfach die Kellertreppe herunter geworfen. Irgendwann waren einfach zu viele Kisten dort unten und ich wollte auch nicht mehr wissen, welche das im einzelnen waren.

Und dann lief der Keller über und sie drückten durch die Panikattacken nach oben. Immer noch fest verpackt und gesichert.

Wenn ich die Panik in den Griff bekommen wollte, dann musste ich eine Kiste nach der anderen hervorholen, sie öffnen und schauen, was man mit dem Inhalt noch alles anfangen kann. Und das tat ich während meiner Therapie. Ich habe in der Zeit viel gelernt, sowohl über meine eigenen Verhaltensmuster, als auch darüber, wie wir Menschen ticken. Es ist sehr überraschend, wie oft sich einfach alles wiederholt. Wir haben dafür andere Namen und Trigger, aber am Ende läuft es einfach immer auf das gleiche Resultat heraus.

Mit den Jahren habe ich ein neues System entwickelt. Ich besitze einen riesigen Apothekerschrank mit Unmengen an Schubladen. Immer wieder kommen wir im Leben in Situationen, die wir nicht direkt verarbeiten können, oder zu diesem Zeitpunkt einfach nicht wollen. Diese Emotionen, Gedanken und Ängste lege ich in eine Schublade. Dann beschrifte ich sie sauber und ordentlich mit ihrem Inhalt. Von Zeit zu Zeit stehe ich vor dem Schrank und schaue mal hier in eine Schublade und dann dort hinein. Ich sehe was darin liegt und kann entscheiden, ob die Zeit gekommen ist sich damit auseinander zusetzen.

Ein gutes Beispiel ist der Selbstmord meines Vaters. Seine Familie hat ihn munter dort hineingestoßen und ich konnte bis heute nicht trauern oder mich den Emotionen stellen. Irgendwann wird der Tag kommen, aber nicht jetzt, nicht heute. Schublade wieder zu.

Der Unterschied ist klar. Oder? Es kann und darf nichts im unbekannten schwelen und wachsen und einen vergiften. Ich achte sehr penibel darauf und es hat sich über Jahre bewährt.

Und dann liege ich gestern im Bett. Kann natürlich wie immer nicht schlafen und merke, wie sich mein Puls erhöht. Kurzzeitig denke ich an eine Form der Beipackzettel-Krankeritis oder einer echten Nebenwirkung. Doch dann werde ich kurzatmig und beginne stark zu schwitzen. Alles klar, so unfassbar es auch scheinen mag … ich stehe kurz vor einer Panikattacke. Ich stehe auf und fange an, hektisch meine Medikamente zu suchen. Ich finde sie nicht. Die Bewegungen fallen mir immer schwerer, während ich mir Einrede, dass ich sicher nicht gleich einen Schlaganfall bekommen werde.

Ach! Bist du dir da sicher? Nur weil du das letzte Mal keinen hattest, heißt das doch nicht, dass du nicht heute einen bekommst. Mein Hirn ist ein schlaues Kerlchen, ein manipulierendes schlaues Kerlchen. Es musste in den Jahren lernen, dass man an Panikattacken nicht stirbt. Theoretisch. Also hat es sich einen neuen Weg gesucht.

Ich bin Raucher und ich habe viele Jahre die Pille genommen. Meine Venen sind also nicht mehr die fittesten. Durch den wahnsinnig hohen Puls und Blutdruck bei einer Panikattacke, wird also viel Blut von A nach B geleitet. Auch an den Engstellen, und dann kommt es zum Stau, Schlaganfall. Bumm! Und während ich mir Einrede, dass es nicht stimmt, bin ich innerlich von Sekunde zu Sekunde mehr davon überzeugt, dass es doch passiert. Todesangst ist ein schweres Wort. Und erst als ich gelernt habe, wie sich echte Todesangst anfühlt, habe ich es nie wieder benutzt. Das wünsche ich keinem.

Und gestern war es wieder soweit. Ich fand die Tabletten nicht und versuchte es mit Gegenmaßnahmen. Gegenschmerz.

Ich sehe einen Hauch lädiert aus, aber immerhin bin ich nicht an einem Schlaganfall gestorben. Und dann stand ich gestern, mitten in der Nacht vor meinem Schrank und verstand diese Reaktion einfach nicht. Gerade durch das bloggen, muss ich noch viel weniger Schubladen anlegen als früher. Was war hier nur schief gelaufen? Und auf einmal sehe ich, dass eine Schublade fehlt. Ich schaue noch einmal genau hin und gehe alles durch. Tatsache.

Ich habe gestern an meinem Beitrag weiter geschrieben: „Wie man Frauen und Köter erzieht.“ Der Grund warum ich diesen Beitrag schreibe oder was mich dazu inspiriert hat, ist eine Freundin. Ihr ganzes Verhalten oder die Gegebenheiten, in denen sie gerade lebt, treiben mich in eine unfassbare Wut hinein. Ich sage aber nichts. Ich sage nichts, weil sie selbst entscheiden muss, was sie in ihrem Leben auf sich nimmt. Es ist meine Rolle ihr dabei einfach beizustehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Freundschaft ist mir zu wichtig, als das ich meinen „Befindlichkeiten“ freien Lauf lassen kann. Also habe ich, zu meiner eigenen Überraschung, all die Emotionen in eine Kiste gepackt und sie die Kellertreppe heruntergetreten. Denn ich brauche mich auch in 2 oder 3 oder 6 Monaten nicht damit auseinander setzen. Das ist meine persönliche Reaktion auf ihre Lebenssituation. Nicht mehr und nicht weniger.

Und die Belohnung? Ich trage ihr Leben oder meine „Befindlichkeiten“ wegen ihrem Leben in den Keller. Es fühlt sich an, als müsste ich stellvertretend für sie, diese Kisten in den Keller treten. Ich kann den Preis dafür aber nicht tragen. Das habe ich gestern klar und deutlich gemerkt. Und wie geht es jetzt weiter? Ich habe keine Ahnung. Ich mache mit meinem Kind jetzt einen Ausflug und lenke mich etwas ab. Heute Abend habe ich noch genug Zeit, um mal im Keller durchzufegen.

Eure Julusch

12 Gedanken zu “Freund oder Feind: Fremde Kisten in den Keller tragen

  1. Pingback: Die Seelen-Baumel-Bank – Julusch's Blog über die Leichtigkeit des Seins und andere gravierende menschliche Irrtümer

    • Hallo meine Liebe, schön von dir zu hören. Ja, es ist wirklich schon ewig her. Und gerade heute habe ich von dir gesprochen. Ich bin gerade in Key West und habe von unserem Trip hierher berichtet. Es hat sich sehr, sehr viel seit dem hier verändert. Der alte Charm ist zwar noch erhalten geblieben, aber der Massentourismus ist schon heftig. Liebe Grüße Julusch

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  2. Liebe Julusch,

    ich habe bisher drei Mal Therapie gemacht, in unterschiedlichen Lebensphasen und unterschiedliche Therapieansätze. Ich habe dadurch viel gelernt wie du, aber auch, dass es Dinge gibt, an die ich niemanden heran lassen kann, wo ich mein eigenes Tempo brauche und meinen eigenen Weg, um sie zu lösen.

    Hut ab vor deinem Weg. Leicht ist es nie. Aber eine Panikattacke kommt auch immer erst, wenn es brennt. Insofern ist es dann einfach Zeit hinzuschauen und auch wenn es anfangs schwer fällt, hilft nur, sich darauf einzulassen.

    Du wirst heraus finden, warum das System mit den sorgsamen Schubladen, das für dich bislang funktioniert hat, nun scheinbar an einem Punkt nicht funktioniert hat. Ich sage „scheinbar“, weil ich nicht weiß und nicht entscheiden, theoretisieren oder analysieren möchte, woran es nun in diesem Moment lag. Erstens kenne ich dich dafür viel zu wenig. Zweitens glaube ich, dass es viel effektiver ist, jemand findet seine eigenen Lösungen. Du hast deine Erfahrungen mit dir gesammelt und wirst auch jetzt heraus finden, was es genau war und wie du damit umgehen kannst.

    Die Freundin, die dir jetzt aufgrund eines Missverständnisses die Freundschaft gekündigt hat… Das tut weh. Aber vielleicht ist es dir möglich, es weniger persönlich zu nehmen. Ich habe – auch aufgrund deines Folgebeitrages, den ich vor diesem gelesen habe – den Verdacht, dass ihre Reaktion viel mehr mit ihr als mit dir zu tun hat. Wenn es dir gelingt, sie in Frieden ziehen zu lassen, nicht bei dir nach einem Fehler dafür zu suchen, kannst du vielleicht am gelassensten damit umgehen.

    Menschen handeln in jedem Moment so, wie sie in dem Moment nun mal handeln können. Sie stehen da, wo sie eben gerade stehen. Und genau dort müssen wir sie stehen lassen. Auch wenn das manchmal bedeutet, jemanden erst mal aus den Augen zu verlieren und seine Nähe zu verlieren.

    Ich hoffe, dass auch diese Worte für dich nicht schulmeisterlich oder klugscheißerisch klingen oder sich so anfühlen, denn das ist nicht meine Intention.

    Ganz liebe Grüße
    Marion

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    • Hallo Marion!

      Wow – sehr beeindruckende Worte. Warum die Schublade nicht funktioniert hat, war mir direkt von Anfang an klar. Ich habe nicht darauf geachtet es in eine Schublade zu legen. Oder übersetzt: Ich habe versucht es zu verdrängen anstatt mich damit auseinander zusetzen. Im Detail will ich jetzt nicht darauf eingehen, aber der eine von dir formulierte Satz, hat mich regelrecht zusammen zucken lassen.

      „Menschen handeln in jedem Moment so, wie sie in dem Moment nun mal handeln können. Sie stehen da, wo sie eben gerade stehen. Und genau dort müssen wir sie stehen lassen.“

      Ich hätte es nicht besser, klarer und auf den Punkt genauer formulieren können.

      Keinen Sorge, ich habe mich nicht „verklugscheißt“ gefühlt. Eher im Gegenteil. Ich danke dir für diese vielen Worte, deinen Trost und deinen Zuspruch.

      Und morgen schreibe ich einen Beitrag darüber. ;-)

      Lieben Gruß Julusch

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  3. Tja, ich könnte vieles sagen, aber was würde dir am besten helfen? Hermann Hesse sagte:

    „Wenn wir einen Menschen hassen,
    so hassen wir in seinem Bild etwas,
    was in uns selber sitzt.
    Was nicht in uns selber ist,
    das regt uns nicht auf.“

    Sowas nennt man „Spiegelung“.
    Und das fühlt sich ziemlich scheisse an.

    Und ich hab die Erfahrung gemacht, dass ich dann ungerne irgendwelche Klugscheissersprüche höre.. ;-)

    Ich hoffe, das ist keiner für dich

    Lieben Gruss Iwan

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    • Hallo Iwan,

      nein, das ist kein Klugscheißerspruch. Im Gegenteil, darüber kann man lange philosophieren und diskutieren. Ich glaube der Hermann hat in vielen Bereichen recht oder eher noch du mit der Spiegelung, in einigen aber auch nicht. Aber das ist wohl eher normal bei „Verallgemeinerungen.“

      Wer schaut schon gerne in den Spiegel, wenn er Angst hat, was er dort sehen könnte. Deswegen hat mir wohl eine Freundin, auf diesen Beitrag hin, die Freundschaft gekündigt. Großes Kino!

      Aber ich ziehe trotzdem keinen Radierer über meine Beiträge.

      Lieben Gruß Julusch

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      • Hupps, wirklich grosses Kino….

        Du hast schon recht, das mit den Verallgemeinerungen. Man kann nicht alles, was einen nervt so anschauen, weil man sonst verrückt wird und nichts mehr spontan zulässt… ;-)
        Und nicht mal mehr fluchen darf beim Autofahren….

        Ich hoffe, du und deine Freundin kriegt die Kurve noch….

        Liebe Grüsse Iwan

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  4. Ich würde ja jetzt gerne was sagen. Was Schlaues, was Verständnisvolles, was Mitfühlendes. Bin ich aber nicht gut drin. Als typischer Mann würde ich natürlich noch lieber einen Rat geben: Mach dies… Lass das… Kenne aber keinen und der käme wahrscheinlich auch schlecht an. Also tue ich, was ich am schlechtesten kann: Gar nichts sagen!

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