Freund oder Feind: Emotionale Erpressung der eigenen Kinder

Der heutige Beitrag beginnt mit einem Beispiel aus dem Leben von Frau Schaukelmaus.

Sie rief mich vor kurzem an und berichtete mir unter anderem von ihrem Wochenende. Ich fasse ihre Aussagen kurz und knapp für euch zusammen:

„Frau Schaukelmaus inklusive Mann, Kind und Kegel, war bei ihrem Bruder eingeladen. Sie nahmen die Einladung an und verbrachten dort einen schönen Tag. Am kommenden Tag erreicht Frau Schaukelmaus ein Anruf ihrer Vaters, der sie darüber informiert, dass ihre Mutter extrem beleidigt ist und vollkommen überdramatisiert. Was war passiert?

Ihre Mutter wusste natürlich, dass Frau Schaukelmaus ihren Bruder besucht. Ihre Erwartungshaltung war, dass Familie Schaukelmaus den Besuch beim Bruder abkürzt, um dann zum Kaffee bei der Mutter vorbeizuschauen. Hat sie ihre Erwartungen im Vorfeld kommuniziert? Nein. Hat sie Andeutungen gemacht? Nein. Hat sie sich dem Familientreffen angeschlossen? Nein, weil sie die Schwiegertochter nicht mag.

Die Tatsache, dass Familie Schaukelmaus nicht zum Kaffee erschien, war für sie nun der Grund, wie folgt zu handeln: Sie wirf ihnen vor, aus reiner Boshaftigkeit nicht vorbei gekommen zu sein, nur um sie zu verletzen und sicher, um ihr die Enkelkinder vorzuenthalten.“

Ihre Mutter bittet nicht darum, besucht zu werden und ihre Mutter fragt auch nicht, ob sie Lust hätten vorbei zu kommen. Denn sie erwartet von ihren Kindern, dass sie ihr den Respekt zollen und selber darauf kommen, dass es das mindeste ist, auch bei ihr vorbeizusehen. Dabei sehen sie sich regelmäßig. Wenn sie es nicht proaktiv machen, dann beginnt das Drama.

Besonders traurig stimmte mich, dass Frau Schaukelmaus sich im Vorfeld der Tatsache bewusst war, dass es eine „Familien-Krise“ geben wird, wenn sie sich nicht blicken lässt. So war ihre Mutter nun mal.

Ich reagiere sehr empfindlich auf solche Aussagen, dass es mich regelrecht wütend macht, wenn Menschen – egal wie sie zueinander stehen – sich der Willkür der Mitmenschen beugen müssen, um den „Frieden“ zu erhalten. Sicher liegt es auch daran, dass es in meiner eigenen Familie mit einer Beständigkeit gelebt wird, dass ich allein darüber ein ganzes Buch schreiben könnte.

Was Frau Mama Schaukelmaus dort abzieht, ist für mich eine regelrechte emotionale Erpressung ihrer Kinder. Und jetzt kommen wir zu der Frage der Fragen.

Welche Rechte und Pflichten haben wir unseren Eltern gegenüber?

Aus biologischer Sicht, verdanken wir ihnen unser Leben. Sie haben uns großgezogen, und wenn wir das Glück hatten, durch „gute Eltern“ entstanden zu sein, dann haben wir neben einem Dach über dem Kopf, noch Nahrung, Kleidung und eine Menge Liebe und Fürsorge erhalten.

Es gibt Kulturen und Länder, in denen es vollkommen normal ist, dass mehrere Generationen eine Familien-Gemeinschaft bilden und sich alle untereinander, um das Wohl des jeweils anderen bemühen.

In unserer Gesellschaft und Kultur leben wir dieses Verhalten nur noch bis zu einem gewissen Grad aus. Wir leben und erleben in unseren Familien diese Art von Gemeinschaft in der Regel nicht mehr. Und dennoch wird vorausgesetzt und erwartet, dass wir – kaum Flüge geworden – beginnen sollen, uns um unsere Eltern zu kümmern. Warum? Was gibt unseren Erzeugern oder unserer Gesellschaft das Recht, eine Gegenleistung dafür zu verlangen? Ist es wirklich unsere Pflicht, ihnen unsere „Aufzucht“ zu vergelten? Sollen oder müssen wir aus Dankbarkeit diese Aufgabe übernehmen? Warum?

In meinen Augen gibt es nur einen einzigen Grund, warum wir uns um unsere Eltern kümmern sollten. Sie haben sich in den Jahren, die hinter uns liegen, unseren Respekt, unsere Liebe und unsere Loyalität verdient. Wir sind nicht das Eigentum unserer Erzeuger und wir sind nicht auf dieser Welt, um so zu sein, wie sie uns haben wollen.

Ich rufe nicht zur Rebellion gegen unsere Eltern auf, denn Kompromisse, und auch das „ertragen“ und „akzeptieren“ von der einen oder anderen Macke gehört einfach im Zwischenmenschlichen dazu. Und glaubt mir, ich habe so einiges bei meiner Mutter zu erdulden. Aber der Bogen darf nicht überspannt werden. Wie in dem oben genannten Beispiel. Denn für Mutter Schaukelmaus zähl in diesem Fall nur ihr eigenes Wohl. Ganz egal, was ihre Kinder denken, fühlen oder wollen. Sie ist die Frau mit dem Stöckchen und über etwaige Alternativen zum Sprung wird nicht verhandelt. Und jetzt?

Akzeptanz durch Toleranz.

Wenn mich ein bestimmtes Verhalten oder Verhaltensmuster zum gewünschten Erfolg führt, warum sollte ich dieses dann ändern? Und so lange wir, ein für uns unangenehmes Verhalten, bei unserem Gegenüber tolerieren, solange suggerieren wir ihm, dass wir es akzeptieren. Und meine Mutter halte ich den Spiegel seit Jahren vor.

So einfach kann es in einer Pony Welt sein.

Ich würde also vorschlagen, dass ich das nächste Mal mit zum Kaffeetrinken bei Mutter Schaukelmaus komme. Auf das Gespräch mit ihr, freue ich mich schon jetzt. Wird es etwas ändern? Nein, aber vielleicht wird die Mutter Schaukelmaus etwas von ihren Kindern abgelenkt sein, denn sie wird definitiv ein neues Feindbild bekommen.

Ludi incipiant
Eure Julusch

9 Gedanken zu “Freund oder Feind: Emotionale Erpressung der eigenen Kinder

  1. Hallo Julita,

    ich habe mich hier durchgelesen. Bin immer wieder entsetzt wie Menschen miteinander umgehen. Jeder Fall ist anders gelagert Über solche Dinge spricht man nicht gerne, denn es kocht immer wieder alles hoch und es tut verdammt weh. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, nur so viel ich habe meinen Sohn zweimal verloren. Nacheinander gleich an zwei Schwiegertöchter. Beide Damen haben die Eltern abgelehnt. Wir haben es schweren Herzens akzeptieren müssen. Letzten Endes ist es sein Leben. In der Zwischenzeit nehmen ich diesen Umstand hin. Das geschieht aus reinem ist reinem Selbstschutz Ich sage mir, es verlieren Eltern ihre Kinder durch Kriege – Unfälle – Krankheiten – Lebenspartner.und eben nicht selten durch Glaubensgemeinschaften.

    Gruß Lilo

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    • Hallo Lilo,

      danke für Deine Worte. Ich habe es auch der Richtung einer Mutter nie betrachtet. Wie es sich anfühlen könnte ein Kind auf diese Art zu „verlieren“. Du hast mir jetzt einiges zu denken gegeben und dafür danke ich Dir.

      Liebe Grüße Julusch

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  2. Liebe Julusch,

    Gott sei Dank gibt es in meiner Familie nicht diese Art Spielchen. Aber was bei uns läuft ist auch nicht besser.

    Ich bin völlig bei dir und habe für mich auch zu dieser Sicht gefunden: In meinen Augen gibt es nur einen einzigen Grund, warum wir uns um unsere Eltern kümmern sollten. Sie haben sich in den Jahren, die hinter uns liegen, unseren Respekt, unsere Liebe und unsere Loyalität verdient.

    Es ist noch kein Jahr her, wo ich bei einem München-Besuch ankündigte, meine Eltern besuchen zu wollen und einen Kuchen mitzubringen, da meine Mama bei meinem letzten Besuch vor dem Umzug in die Schweiz geweint hatte. Keine Reaktion. Als ich von München aus anrief, bekam ich von meinem Vater zu hören: „Wir haben dein Mail schon bekommen. Aber WIR WOLLEN DAS NICHT!“ Das hat gesessen. Das war eine Ablehnung zuviel im Laufe von Jahren, wobei für mich nie auszumachen war, woran es jeweils genau lag, wann sie sich über meinen Besuch freuten und wann sie so wie beschrieben reagierten oder es auch hieß: „Am besten ist, du kommst nicht mehr.“ Das alles hat damit zu tun, dass ich eine Ausgeschlossene bin (aus ihrer Glaubensgemeinschaft). Mit Ausgeschlossenen dürfen sie keinen Kontakt pflegen. Auch wenn es die Eltern sind.

    Als ich zu Weihnachten in München war, hörten meine Eltern über andere Verwandte, dass ich da bin. Weihnachten feiern sie nicht innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Aber just am 24. Nachmittags, als ich mit meiner Tochter am Vorbereiten der Wohnung für das Weinachtsessen war, rief mein Vater an und kaute mir ein Ohr ab, dass er krank sei und dass ich das auch wissen müsse. Mein Bruder (der vor Jahren schon den Kontakt zu mir abgebrochen hat) habe schon gefragt, ob sie dann mal in ein Heim wollen, bei ihm in der Nähe. Worauf mein Vater geantwortet hatte: „Soweit sind wir noch nicht!“ Ich habs mir angehört. Nicht mehr und nicht weniger. Mein Bruder hat über Jahre immer wieder den Kontakt zu den Eltern abgelehnt und verweigert, ist aber noch in der Glaubensgemeinschaft. Demgemäß wird er sich verpflichtet fühlen, für die Eltern zu sorgen, wenn es soweit ist.

    Ich kann mich – so meine momentane Sicht – nicht jahrelang wegstoßen und verletzen lassen und dann so tun, als wäre nix gewesen. Dass sie älter werden, haben sie immer gewusst. Da wird es in ihrer Gemeinschaft auch Leute geben, die sich um sie kümmern, wenn sie ihr Leben lang das über alles andere gestellt haben.

    Liebe Grüße
    Marion

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    • Hallo Marion,

      vielen lieben Dank für deine Worte. Gestern Abend habe ich gleich mehrfach versucht zu antworten, aber der Einstieg ist mir sehr schwer gefallen.

      Ich tut mir so unendlich leid für dich. Dagegen ist mein obige Bericht ein Witz. Ich kenne es leider auch, dass der Glaube oder wie in meinem Fall die Kirche über alles andere gestellt wird. Jedoch nicht in dem Ausmaß wie bei dir. Wenn es nicht eine Splittergruppe ist, dann weiß ich wohl um welche Glaubensgemeinschaft es geht. Glaube …. der Glaube …. wir sind nicht gerade Freunde. Ich bin überzeugter Agnostiker und dahin wurde ich direkt durch den Glauben geschoben. Ich werde dir berichten. Ich finde es sehr mutig und sehr stark, dass du bei deinen Eltern diese Erkenntnis gewonnen hast. Ich glaube, dass wirklich sehr viel passieren muss, bis ein „Kind“ davon Abstand nehmen kann.

      Ich drücke dich ganz fest
      Julusch

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      • Hallo Julusch,

        ganz herzlichen Dank für deine herzlichen und mitfühlenden Worte. Ist ja lieb, dass du Anläufe genommen und es dir nicht leicht damit gemacht hast, was du sagen oder wie du reagieren könntest und möchtest. Es sind die Zeugen Jehovas, ich bin darin aufgewachsen. Als ich ausgeschlossen wurde, hab ich mich erst mal umgeschaut, was es sonst noch an Weltsichten-Möglichkeiten gibt, worin ich für mich einen Sinn finden kann – und das Abitur nachgeholt. In eine organisierte Religion wollte und will ich nie mehr. Ich glaube heute schon etwas, aber das braucht weder Religion noch Glaubensgemeinschaft und darin gibt es keinen personifizierten Gott. Es findet in meinem Innern statt und mehr braucht es nicht.

        Weißt du, das mit dem Vergleichen ist immer so eine Sache. Das wird meist keinem gerecht. Es ist schwierig zu sagen: Dieser hat es schwerer als jener – und damit die Realität auch zu treffen. Ich glaube, jeder hat das, was er persönlich an Lernaufgaben bewältigen kann; wir sind ja alle recht unterschiedlich ausgestattet mit Energie und Persönlichkeit. Und wenn jemand seine Lernaufgabe zu groß empfindet, dann darf er sich Hilfe dazu holen oder auch kapitulieren. Ich glaube nicht, dass das an seinem ewigen Seelenwohl etwas ändert, lediglich an der Art des Weges, den er nehmen wird. Das ist okay.

        Für mich persönlich gilt es auf jeden Fall, dass sehr viel passieren muss, bis ich der Stimme meines Herzens nicht mehr folgen kann, ob es um die Eltern oder um Liebespartner geht; ich bin da ziemlich ausdauernd. Aber sogar bei mir gibt es einen Punkt, an dem ich sagen muss: Jetzt ist genug, jetzt muss ich mich schützen, sonst geh ich seelisch vor die Hunde. Und da dieser Punkt bei meinen Eltern erst im letzten Jahr erreicht wurde, ging es jetzt überhaupt nicht, auf Krankheit oder sonstige Bedürfnisse einzugehen. Das hätten sie sich vorher überlegen sollen. Alles hat eine Konsequenz. Und dass man Verantwortung für sein Handeln und seine Entscheidungen zu tragen hat, so wurde ich erzogen.

        Die Ereignisse haben im Lauf der Jahre eine gewisse Stärke wachsen lassen, das ist schon so. Aber es gab auch stets die Momente und die wird es vielleicht auch künftig geben, wo ich das Gefühl habe, ich kann nicht mehr. Und dann sehe ich mir zu, was ich noch alles kann. Am wichtigsten ist mir dabei, auf eine Weise damit umzugehen, dass ich weder mir noch dem Gegenüber etwas nachzutragen habe, böse bleiben muss oder gar bitter und im Gefühl „abgelöscht“. Es ist mir wichtig, meine Liebesfähigkeit zu behalten, anders kann ich gar nicht, so wie ich gestrickt bin.

        Ich danke dir fürs Drücken <3, ist angekommen :)

        Lieben Gruß
        Marion

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    • Hallo Monni, da hast du allerdings recht. Alles viel zu kompliziert. Was war den eigentlich dieser Fu-Irgendwas? Ich hatte mir von Unterwegs das Bild angesehen und es erinnerte mich an eine Hasenpfote. Gute Besserung für Deine Kralle. Gruß Julusch

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      • Tja, der Fur-Pong. So ganz genau weiss man es nicht. Hat optisch schon was von einer Hasenpfote, einer geschwollenen. Es handelt sich um eine Filzkugel mit Feder dran. Wozu das gut ist? ??? Walter hielt es offensichtlich für Christbaumschmuck. Zum Knabbern war es also nicht. War aber auch egal. Ich wurde an diesem Abend anderweitig bestens mit Kulinarischem versorgt. Wünsche Dir noch einen wunderbaren Tag. Deine Monni

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