Die gedruckte Familie

Ich denke heute Abend darüber nach, welche Geschichten meines Lebens einen Beitrag wert wären, und an welchen ich nicht rütteln sollte.

Gerade in den letzten Wochen habe ich mit meiner Schwester über viele Aspekte unsere Leben gesprochen. Unsere Kindheit, unsere Eltern, unsere Ehen, unsere Kinder und nicht zuletzt, wo und wieso wir stehen, wo wir gerade stehen. Wir sind uns in vielem sehr ähnlich und dennoch klafft ein gigantisches Loch zwischen ihrem und meinem Leben. Ich könnte ihr Leben niemals leben, und umgekehrt sicher genauso. Unsere Gespräche holten auch vieles wieder ans Licht, dass ich vor langer Zeit vergessen, oder vergraben, oder irgendwo versenkt habe. Es waren keine Erinnerungen, die mich erschüttert oder überrascht haben, aber es sind schon – zumindest für den Durchschnittsmensch – recht ungewöhnliche Ereignisse gewesen.

Wenn ich früher von meiner Familie oder eher von einzelnen Familienmitgliedern erzählt habe, und den Herausforderungen die damit einhergingen, ein Teil dieser Familie zu sein, wurde ich mit genau jenen Personen in einen Topf geworfen. Als ich noch jung war, habe ich es nicht wirklich verstanden. Warum werde ich für etwas verurteilet, was nicht in meiner Verantwortung liegt? Verurteilt für etwas worauf ich keinerlei Einfluss habe. Irgendwann vor 22-24 Jahren saß ich mit meinen Kollegen beim Mittagstisch und erzählte eine Anekdote aus meinem Leben. Nach diesem Essen sprach mich eine ältere Kollegin an und gab mir den Ratschlag, nicht so offen zu sein, da es auf mich zurückfiele. Mein dritter Onkel mütterlicherseits ist ein unmöglicher Mensch, also stamme ich aus einer Familie mit unmöglichen Menschen – ergo – bin ich auch ein unmöglicher Mensch. So in der Art.

Mit den Jahren lernte ich nicht mehr so offen zu sein. Sicher, in meinem engsten Freundeskreis war und bin ich das nach wie vor, aber dann wird es eng. Und jetzt sitze ich hier und denke wieder an dieses gemeinsame Mittagessen. Welchen Einfluss hätte ein Beitrag über meine Familie, auf das Bild das sich Menschen von mir machen, die diesen Blog lesen? Ich gebe offen zu, dass es mir im Grunde vollkommen egal ist, aber dennoch finde ich diese Überlegung spannend. Wie viel Offenheit verträgt mein Umfeld, bevor es mir einen Stempel aufdrückt? Und viel spannender – ab wann beginne ICH andere Menschen zu stempeln? Ich bin nicht weniger voreingenommen als der Durchschnittsbürger und würde lügen, wenn ich es leugnen würde.

Es kann aber natürlich auch einfach nur sein, dass meine Familie jetzt dafür hinhalten muss, weil ich gerade gar keine Lust habe, in das Elefanten Gehege zu steigen. Andererseits würde meine Familie mütterlicherseits, genug Stoff für jahrelanges Bloggen liefern. Ich könnte Seiten um Seiten füllen. Gespickt mit viel Grausamkeit, Lügen, Misshandlungen, Trugbildern und ein wenig Liebe und Zuneigung. Vielleicht sollte ich wirklich mal ernsthaft darüber nachdenken, mir einen Ghostwriter zuzulegen und meine Familie zwischen zwei Buchcover zu pressen. Ich bin sicher, dass Buch wäre ein Erfolg. Warum? Diese Geschichten passen leider zu gut in unsere sensationsgeile Gesellschaft. So traurig das ist.

Wie ist das rechtlich in unsrem Land geregelt? Kann ich einfach über meine Mitmenschen schreiben, ohne dafür geahndet zu werden?  Wisst ihr das? Ich freue mich auf Eure Antworten.

Lieben Gruß – immer noch Eure Julusch

6 Gedanken zu “Die gedruckte Familie

  1. Du darfst schreiben über wen Du willst, nur darfst Du keine Namen nennen! Und am besten den Zusatz beifügen „Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig….“
    Wenn das Thema interessant ist, andere Menschen vielleicht in einer ähnlichen Situation sind und vielleicht einen Austausch suchen, es gibt viele Gründe einen Blogpost oder einen ganzen Blog über ein Thema zu schreiben :-)

    Gefällt 1 Person

  2. Das ist auf jeden Fall problematisch. Ich hatte mich vor Beginn meines Blogs mal ein wenig erkundigt und auch deshalb die absolut anonyme Form gewählt. Persönlichkeitsrechte fühlen sich leicht verletzt und Schadensersatzforderungen sind möglich. Google einfach mal nach „Persönlichkeitsrecht Autobiografie“.
    Ganz nette Antwort hier:
    http://www.deutsche-anwaltshotline.de/rechtsberatung/103979-verfassen-eines-buches—duerfen-namen-und-bilder-von-personen-mit-ins-buch-

    Gefällt 1 Person

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