Freund oder Feind: Von Plan B bis Plan nix

Die Hoffnung ist eine Droge, die Hoffnung ist ein Psychopharmakon, die Hoffnung ist ein Aufputschmittel, dass viel stärker wirkt als Koffein, Kokain, Speed oder Amphetamine. Die Hoffnung beschleunigt den Herzschlag, steigert die Atemfrequenz, erhöht den Blutdruck und erweitert die Pupillen. Die Hoffnung regt die Hormonprojektion an, schärft den Gehör- und Geruchssinn. Die Hoffnung zieht einem die Eingeweide zusammen und man registriert alles mit einer noch nie dagewesenen Schärfe.
– Bernhard Minier, Kindertotenlied –

Wenn nichts mehr bleibt als der Tod, der Tod als letztendlicher Plan B, ist das dann überhaupt ein Plan B? Ist die Aussicht darauf, das Leben nicht weiter leben zu müssen auch eine Hoffnung? Ist es angemessen dieses als Plan B anzuerkennen? Oder siegt einfach nur die Hoffnungslosigkeit?

Mich würde es sehr interessieren, was ihr darüber denkt. Wo fängt Hoffnung an und wo hört die Hoffnungslosigkeit auf?

Atemnot, Tränen, Depression, Freudlosigkeit, Melancholie, Mutlosigkeit, Schwermut, Trauer, Trübsinn, Verzagtheit, Verzweiflung, traurige Stimmung, Niedergeschlagenheit, Ausweglosigkeit, Stockstarre, Verspannungen, Zähneknirschen, Kopfschmerzen. Ja, und auch Kopfschmerzen, wenn man zum Yoga muss. So viele Worte für nur einen Zustand.

Nein, das ist kein versteckter Hilferuf. Ich werde mich morgen nicht von einer Brücke stürzen. Keine Sorge. Aber wenn man das Gefühl hat, dass es nichts gibt auf der ganzen weiten Welt, dass einem einen Grund zu Leben gibt, wozu dann Gedanken an die Zukunft verschwenden. Wie erschafft man einen Plan B, wenn auch der letzte Hauch an Lebensfreude nicht mehr existiert? Wozu sollte man es überhaupt nur versuchen? Ist Hoffnungslosigkeit gleich zu setzen mit Todessehnsucht? Dann ist es kein Plan B, oder?

Es ist unfassbar was für einen „großen Markt“ Selbstmord online hat. Heute zwei Stricke zum Preis von einem. Kaufe lieber meine Pillen, statt vor den Zug zu springen. Ist sicherer und sauberer.

Weiß eine oder einer da draußen wie sich wirkliche Hoffnungslosigkeit anfühlt? Ja? Wie hast du den Weg ins Leben zurück geschafft?

Eure Julusch

12 Gedanken zu “Freund oder Feind: Von Plan B bis Plan nix

  1. Liebe Julusch,

    den Wunsch zu sterben kenne ich. Es ist schon etwas länger her, als ich an diesem Punkt stand. Ich war 29 oder 30 J. alt, hatte zwei kleine Kinder, schien völlig festgefahren in einer Lebenssituation, die sich anfühlte wie ein Schraubstock, der sich immer weiter zuzieht. Es wurde immer unerträglicher. Der Druck wurde erhöhrt durch einen Vortrag innerhalb der rel. Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen war, den ich zu dieser Zeit hörte und worin gesagt wurde, wir hätten nicht das Recht, uns das Leben, das uns gegeben wurde, zu nehmen. Das war irgendwie nochmal eine Steigerung des Unerträglichkeitsgefühls, dass man mir sogar das Recht auf den einzigen Weg, den ich noch sah um irgendwie Frieden und Erlösung zu finden, absprach.

    Ich folgte jedoch weiter dem Gedanken, wie ich mir das Leben nehmen könnte, um dieser Unerträglichkeit, in der ich steckte, zu entrinnen. Was mich die ganze Zeit zurückhielt war u.a. die Vorstellung, dass ich meinen Kindern den Schock fürs Leben zufügen würde, wenn ich es daheim mache. Wenn sie schon ohne Mutter aufwachsen sollten (die ohnehin bis zur Unkenntnlichkeit in sich verborgen und versteckt war), dann aber nicht mit einer Erinnerung an sie, die sie nie mehr aus der Seele bekommen würden. Alles steigerte sich bis zu dem Tag, wo ich mich hinsetzte und einen Abschiedsbrief schrieb. Das war die Wende. Denn nachdem ich ihn unter vielen Tränen geschrieben hatte, nachdem der empfundene Druck etwas abgeflossen war und ich ihn noch ein paar Mal durchgelesen hatte, trat eine Klarheit ein. Ich spürte sehr genau anhand meiner eigenen Worte, dass der Wunsch zu sterben ein einziger großer Hilferuf war. Gerichtet an jene Menschen, die mich zu der Zeit umgaben, meine Eltern und mein erster Mann. Mir wurde schlagartig bewusst, dass sie die falschen Adressaten waren. Dass sie, wenn ich wirklich den Mut hätte mich zu töten, sich lediglich in ihrer Meinung bestätigt fühlen würden, dass ich erblich bedingt psychisch krank war und dass es tragisch sei, dass es so mit mir geendet hat. Den wahren Grund dafür würden sie aber auch dann nicht erkennen. Nein, diese Genugtuung wollte ich ihnen nicht geben. Die erhoffte Hilfe würde von dieser Seite niemals kommen und auch nicht so zu erzwingen sein.

    Und so stand tief aus meinem Innern die Klarheit auf, dass es nur eine einzige Person gab, die mir helfen könnte: Ich selbst. Nur ich wusste was ich nicht mehr ertrage, was ich nicht mehr leben möchte usw. Ich musste die Verantwortung für mein Leben in die eigenen Hände nehmen, ich musste mir die Hilfe holen die ich brauchte, um den Weg gehen zu können, der für mich stimmen könnte.

    Meine erste Psychotherapie war aus Sicht des Therapeuten gerade erfolgreich beendet worden, die bewilligten Stunden waren aufgebraucht. Zu meinem Wunsch zu sterben hatte er lediglich einen „Witz“ parat gehabt: Ein Mann stand morgens auf, realisierte, dass er sich soeben das Leben genommen hatte und sagte „Na der Tag fängt ja gut an?!“ Lustig fand ich das nicht. Und mit dem Ende der Therapie war ich noch lange nicht an meinem Ziel. Also suchte ich mir eine Robin Norwood-Selbsthilfegruppe. In dieser fand ich eine Freundin, die so zu mir stand, dass es gelang einen neuen Weg einzuschlagen. Und als mit Hilfe dieser Freundin, nach einem missglückten Versuch meinen Mann in die Psychotherapie zu meinem ehemaligen Therapeuten zu schicken, der Entschluss gefallen war, meinen Mann zu verlassen, kam Hilfe auf unerwartete Weise. Es war nur ein einziger Satz. Ich kam gerade von einem Treffen mit dieser Freundin und war mir bewusst, dass ich handeln musste. Ich traf meine Mutter, die zum Einkaufen unterwegs war. Wir stiegen beide von den Rädern ab und ich sagte ihr, was ich sehe tun zu müssen. Ihre Antwort war: „Ja, ich verstehe dich und manchmal ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Ende ohne Schrecken.“ Das war eine Ermunterung, die ich gebraucht hatte.

    Daher würde ich zu deiner Frage: Wenn nichts mehr bleibt als der Tod, der Tod als letztendlicher Plan B, ist das dann überhaupt ein Plan B? sagen: Wenn du dir selbst glauben kannst, dass es das ist, was du möchtest und wenn du zu den Folgen, die für die Zurückbleibenden daraus entstehen, stehen kannst, dann ist es definitiv ein Plan B.

    ABER: Zweifellos gibt es auch einen Plan C oder D, auch wenn du ihn gerade nicht sehen kannst.

    Was die Hoffnung angeht, von der man sagt, sie stirbt zuletzt. Ich stand schon mehrfach an dem Punkt, wo es sich anfühlte, als wäre sie endgültig gestorben. Die Hoffnung auf den einzigen Weg, der für mich Sinn zu ergeben schien. Aber auch das war nur eine Phase. Die Hoffnung kam zurück. Die Chance auf einen neuen Anlauf kam zurück. Die Chance darauf, das Gelernte anzuwenden und es auf neue Weise zu versuchen.

    Was mich im Lauf der Jahre immer wieder erschreckt hat war die Tatsache, wie nah die absolute Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die sich wie ein tiefes schwarzes Tal ohne Ausgang anfühlte, an der Wende liegen kann. Wie schnell die Gefühle wechseln können in Hoffnung, in inneres Neuaufstehen und einen neuen Versuch zu wagen. Manchmal muss man einfach zulassen, dass etwas stirbt, auch wenn es sich grausam anfühlt und egal wie lange dieser Zustand andauert. Über alles immer nur nachzudenken, bringt allein nicht weiter. Die Gefühle – das ist meine eigene Erfahrung, die so für mich gilt – müssen durchlebt werden, in aller Breite und Höhe und Tiefe. Und erst wenn ich dazu bereit bin, bewegt sich unerwartet etwas weiter.

    Was Monika oben sagte, da liegt für mich viel Wahres drin. Zum Beispiel, dass ich es für mich so erlebte, dass jegliche Gefühle zuzulassen mich letztlich immer zu mir selbst geführt hat. Und es genau dort weiter ging.

    Aber genauso gültig ist für mich dein Einwand: Mit der Selbstliebe ist es sehr, sehr schwer, wenn man nie gelernt hat oder noch schlimmer, diese als Kind rausgeprügelt bekommen hat. Wobei ich das nicht allein auf die körperliche Züchtigung einschränken möchte.

    Es IST sehr schwer, wenn einem die lebensnotwendigste Basis dafür nicht mitgegeben wurde. Immer wieder mal kam ich an den Punkt, wo es mir so vorkam, dass ich genau daran immer neu scheitere. Es IST sehr, sehr schwer. Aber scheinbar auch nicht unmöglich, denn ich laufe immer noch rum. Manchmal kam Hilfe aus unerwarteter Richtung, auf unerwartete Weise, wenn ich einfach bereit war den nächstmöglichen Schritt zu tun, egal wie klein der war. Oder selbst wenn er nur darin bestand, den Ist-Zustand auszuhalten.

    Ich empfinde wie du: Der Weg zu sich selber ist oft der Schwierigste, zumindest aus meiner Sicht. Aber er ist oft das einzig Sinnvolle, egal wie schwierig, egal wie lang es dauert…

    Du sagst noch: Man darf aber erst auf seine Stimme hören, wenn man bei sich angekommen ist. Sonst erreicht man eher das Gegenteil. Wie meinst du das? Mir scheint, aus diesen Worten spricht ein tiefes Misstrauen sich selbst und den eigenen Wahrnehmungen gegenüber. Kannst du ein Beispiel nennen, wann du glaubst auf die innere Stimme nicht hören zu dürfen, weil sonst eher das Gegenteil erreicht wird von dem was du möchtest oder suchst?

    Liebe Grüße
    Marion

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    • Sorry, die Formatierung hat oben nicht ganz geklappt. Die zwei letzten Absätze sollten so aussehen:

      Ich empfinde wie du: Der Weg zu sich selber ist oft der Schwierigste, zumindest aus meiner Sicht. Aber er ist oft das einzig Sinnvolle, egal wie schwierig, egal wie lang es dauert…

      Du sagst noch: Man darf aber erst auf seine Stimme hören, wenn man bei sich angekommen ist. Sonst erreicht man eher das Gegenteil. Wie meinst du das? Mir scheint, aus diesen Worten spricht ein tiefes Misstrauen sich selbst und den eigenen Wahrnehmungen gegenüber. Kannst du ein Beispiel nennen, wann du glaubst auf die innere Stimme nicht hören zu dürfen, weil sonst eher das Gegenteil erreicht wird von dem was du möchtest oder suchst?

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      • Hallo Marion, ich habe dich keinesfalls vergessen und deine Zeilen immer und immer wieder gelesen. Mein Kopf fühlt sich an, als würde ich gegen eine Wand laufen, All das was ich dabei fühle, kommt immer noch nicht in verständlichen Sätzen raus. Aber es ist mir sehr wichtig dir darauf zu antworten. Bitte sei nicht böse, wenn es etwas länger dauert. Fühle dich gedrückt und schön das du in meinem Leben bist. Das meine ich ganz aufrichtig. /Julusch

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  2. Ich war gestern beim Lesen auch sehr betroffen. Es ist bei mir schon länger her, als es mir so ging.

    Ich wurde nach der Geburt des Nachzüglers 2003 schwer krank, was sich inkl. vieler Krankenhausaufenthalte und Infusionen jahrelang hinzog. Ich verlor meine Arbeit, in der ich 20 Jahre tätig war (sozialer Bereich) und alle „Freunde“. Es zog mir vollständig die Beine weg.

    Mein Wille und meine Würde jedoch wurde trotz folgender schwerer Depressionen nie gebrochen. Ich spürte immer: Irgendwas gibt’s da draußen noch für mich. Es war nur ein Gefühl. ‚Da wartet eine Aufgabe, der ich gewachsen sein werde. Da gibt es einen Sinn, den ich jetzt noch nicht ahne. Da gibt es Wege, die ich gehen werde.‘

    Mit viel Anstrengung und Kampf stand ich auf, schmiss die Medikamente (Antibiotika und Schmerzmittel) in den Müll, vertraute der Naturheilkunde und wuchs über mich hinaus.

    Heute lebe ich mit 13 Folgediagnosen der nicht früh genug erkannten Borreliose. Ich bin glücklich über jeden neuen Tag.

    Was sagt Dein Bauch? Vielleicht klingt Dir das nach „Spiritualität“ – ich weiß es nicht. Dieser jedoch bin nur sehr gering zugetan (obwohl Lyrikerin; -) ). Doch ich denke, unser Bauch spricht mehr und lauter zu uns, als wir es oft wahrzunehmen vermögen.
    Aus Hoffnungslosigkeit kann man neue Brücken bauen, liebe Julisch.

    Fühlen Dich umarmt! 💜

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  3. Liebe Julusch,

    ich habe deinen Beitrag mit Interesse und dann betroffen gelesen. Aus dem Stegreif ist es mir nicht möglich, darauf zu antworten. Ich möchte heute nur schreiben: Ich habe gelesen, es ist mir nicht egal, ich werde antworten.

    Bis dann…

    Marion

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  4. Ja ich weiß wie sich Hoffnungslosigkeit anfühlt. Und auch wie sich Todessehnsucht anfühlt. Und nein, es ist nicht dasselbe, aber beides beschissen. Ich würde sagen die, Todessehnsucht entsteht aus Hoffnungslosigkeit aber sie ist dennoch nicht die Steigerung davon., denn sie fühlt sich nicht schlimmer an als Hoffnungslosigkeit. Eher wie ein Ausweg daraus.
    Und selbst Todessehnsucht ist nicht dasselbe wie Lebensmüdigkeit oder Selbstmord Gedanken. Es ist eher passiv, eine Art Sehnsucht nach endgültiger Ruhe – vor Schmerz, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit.
    Der Weg dort raus führt zu dir selbst. Die Erkenntnis, dass weder eine Person, ein Lebewesen oder gar das Leben selbst für dein Glück verantwortlich sind. Dass alles, was du zum Glücklichsein brauchst, in dir ist. Solange du Erwartungen erfüllst und von anderen erwartest, wirst du immer wieder enttäuscht werden. Erst wenn du gelernt hast, dass das wichtigste Wesen du selbst bist, wenn du dich selbst genug liebst um nicht mehr von der Liebe anderer abhängig zu sein und wenn du lernst deiner inneren Stimme mehr zu vertrauen als deinem Verstand oder der Stimme anderer – dann bist du auf dem richtigen Weg. Auf dem Weg zu dir selbst. Und gleichzeitig hast du die Hoffnungslosigkeit überwunden, weil sie letztlich aus äußeren Umständen resultierte. Umstände, die du nicht ändern kannst – das einzige was du ändern kannst ist deine Einstellung dazu.
    Love it, leave it or change it. Du hast immer eine Wahl. In erster Linie ist es deine Entscheidung, ob du an den äußeren Umständen zerbrechen oder gestärkt daraus hervor gehen willst.

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    • Hallo Moni,

      danke für Deine offenen Worte und das du dir die Zeit genommen hast zu antworten. Ich weiß das du leider aus Erfahrung sprichst. Mit der Selbstliebe ist es sehr, sehr schwer, wenn man nie gelernt hat oder noch schlimmer, diese als Kind rausgeprügelt bekommen hat. Wobei ich das nicht allein auf die körperliche Züchtigung einschränken möchte.

      Der Weg zu sich selber ist oft der Schwierigste, zumindest aus meiner Sicht. Wenn das alles so einfach wäre, würde eine ganze Berufsgruppe arbeitslos werden. Ich kenne nur sehr wenige Menschen, die sich komplett so annehmen können wie sie sind. Viele merken noch nicht einmal, dass ihre Handlung darauf zurückführen sind. Man darf aber erst auf seine Stimme hören, wenn man bei sich angekommen ist. Sonst erreicht man eher das Gegenteil.

      –> Todessehsucht – Lebensmüdigkeit – Selbstmordgedanken <– Du hast recht, es sind unterschiedliche Spielfelder. Mit einem identischen Ziel.

      Ich werde darüber noch etwas nachdenken.

      Fühle dich gedrückt!
      Julusch

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