Freund oder Feind: Trauer ohne Zeit und Raum

Irgendwann ist mir die Fähigkeit verloren gegangen zu trauern.
Irgendwann, irgendwo habe ich sie verloren.

 Obwohl ich ihn selbst geschrieben habe, wurde ich nicht warm mit diesem Satz. Etwas hat mich die ganze Zeit gestört – ich konnte es nur nicht greifen. Weiterschreiben war nicht mehr möglich.

Mittlerweile sind gute 1,5 Stunden vergangen und nach einem Spaziergang und einer langen heißen Dusche, ist mein Kopf nun klarer und aufgeräumter.

Irgendwann ist mir die Fähigkeit verloren gegangen zu trauern.
Irgendwann, irgendwo habe ich sie verloren.

Trauer. So nett es wäre nicht mehr trauern zu müssen, so illusorisch ist die Vorstellung das ich es nicht mehr kann. Ich lernte einfach nur den Schmerz besser einzuschließen. Das birgt natürlich die Gefahr, dass sich eines Tages alles auf einmal einen Weg nach außen bahnt.

Wenn es soweit ist möchte ich möglichst weit weg sein. Nur nicht in mir – mit mir. Ausgelöst wurde mein Bedürfnis diesen Beitrag zu schreiben, durch eine Aussage die meine Freundin mir gegenüber getroffen hat.

Es ging um einen Vorfall, der bereits zwei Jahre zurück liegt. Ein Vorfall der noch so präsent in mir ist, als wären seit dem nur wenige Monate vergangen – wenn überhaupt. Weder meine Freundin noch ich sind sehr gut im „Wahrnehmen von Zeit und Raum“, aber das erschreckte mich schon. Wenn bereits zwei Jahre vergangen sein sollen, was habe ich in dieser Zeit bitteschön gemacht?

Ich wollte verstehen und wissen wie es einem Menschen ergeht, der keinerlei Trauer und somit auch keine Bewältigung der Trauer zulässt. Dazu durchforstete ich an mehreren Abenden das Internet. Eine Antwort auf meine Frage habe ich nicht gefunden.

Nehmen wir mal an, dass ein Mensch über viele Jahre keine Trauer zulässt – oder nie. Sicher hängt das mit der mentalen Stärke jedes einzelnen zusammen, aber inwieweit ist unsere Psyche überhaupt in der Lage alles konsequent wegzuschließen? Und ich meine konsequent. Nicht einfach nur ein paar Kisten in den Keller des Unterbewusstseins tragen, sondern diese auf dem Weg nach unten Schreddern.

Ich stelle mir gerade einen Häcksler vor, in den wir all unseren Schmerz und Kummer hineinwerfen können. Hinten kommen nur noch wenige Fragmente heraus, die wir noch nicht mal mehr zuordnen können. Diese Fragmente bleiben in winzigsten Narben auf unsere Seele zurück. So klein und so unbedeutend, dass wir sie kaum wahrnehmen. *Wunderbar.

Zurück zum leidigen Thema Trauer.

Mein Vater begann Selbstmord. Es war eine sehr bewusste Entscheidung von ihm, dort hineingetrieben hat er sich allerdings nicht alleine. Auf seinem Wunsch hin begleitete ich ihn auf diesem Weg. Abends, wenn das Kind im Bett war, ging ich zu ihm um an seinem Bett zu sitzen. An seinem Bett zu sitzen und dabei zuzusehen, wie er langsam verdurstet. Schon mal im Leben an Selbstmord gedacht? Wenn ja, dann wählt nicht diesen Weg. Die Schmerzen die man dabei erleiden muss sind erschreckend. Ich hätte mir nicht annähernd vorstellen können was verdursten bedeuten kann. Auch die Veränderung der Wahrnehmung ist unverhältnismäßig grausam. Es gibt sicher schönere Arten sich aus dem Leben zu verabschieden. Glaubt mir. Ich bewundere meinen Vater das er bis zum bitteren Ende durchgehalten hat. Unverhältnismäßig. Glaubt mir. Soviel Kraft und soviel Willen – also doch.

Mein Vater und ich standen uns sehr nah. Wahrscheinlich ist das genau der Grund, warum ich bis heute noch nicht trauern konnte. Oder wollte? Wer weiß das schon. Als ich seine Urne in Empfang nahm und sie in meinen Händen hielt, flogen über meinem Kopf gerade die Kraniche in Richtung Süden. Ein großer und beeindruckend schöner Schwarm – der ihn mitnahm. Frieden. Er hatte endlich Frieden.

Trauer ohne Zeit und Raum. Laut meinen Unterlagen ist das nunmehr 5 Jahre her. Was absolut lächerlich ist, denn es kann gar nicht so viel Zeit vergangen sein. Verändert Trauer die Zeit und den Raum? Den Schmerz habe ich weggepackt. Sehr weit weggepackt. Habe ich zusammen mit dem Schmerz auch meine Wahrnehmung weggepackt? Kennt ihr das? Ist Euch auch etwas in dieser Art schon mal passiert?

Ich kann noch einige weitere Beispiele aufführen, die irgendwann in den letzten 5 Jahren stattfanden, die ich zeitlich nicht mehr zu fassen bekommen. Und all diese Beispiele gingen immer mit viel Schmerz einher. Schmerz = Verarbeiten = Trauer = Fällt heute aus weil *Bananenfisch?

Es darf nicht wehtun, was nicht wehtun darf. Also tut es nicht weh. Eine einfach und simple Gleichung.

Ich bin keine Maschine – schon klar. Auch ich hatte Momente in denen sich meine Brust so eng angefühlt hat, dass ich zweifelte noch weiter atmen zu können. Gelegentlich schossen mir parallel auch noch die Tränen in meine Augen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt musste ich irgendwie versuchen aus dem Schmerz zu kommen. Weinen fällt aus weil *Baum.

Ich brauche eine Pause.

Es sind nun mehrere Tage vergangen und ich beende diesen Beitrag so unvollendet wie er ist. Manchmal ist auch das eine Erkenntnis.

Fühlt Euch getröstet, was immer Euch bewegt.

Eure Julusch

*Wunderbar: https://julusch.com/2014/11/07/abschied/
*Bananenfisch: http://www.stupidedia.org/stupi/Bananenfisch
*Baum: http://www.stupidedia.org/stupi/Weil_Baum

5 Gedanken zu “Freund oder Feind: Trauer ohne Zeit und Raum

  1. Was Du beschreibst, raubt mir schon beinahe den Atem, Julita.
    Ich habe noch nie gehört, dass ein Mensch freiwillig verdurstet – es ist so unglaublich. Bitte verzeih mir diesen Satz, der sich so locker auf der Tastatur schreibt und ich befürchte, er kommt oberflächlich daher. Du kannst mich ja nicht sehen dabei – Glück oder nicht? Wer weiß das.

    Ja, Schmerz in dieser Zeit der Trauer habe ich auch weggepackt. Ich sage immer: Es ist vorbei. Doch in den letzten 2 Jahren beschleicht mich das Gefühl, je älter ich werde, um so präsenter wird er wieder: dieser Schmerz.

    Mein Vater ist vor 21 Jahren bei einem schweren Zugunglück tödlich verunglückt. Zu diesem Zeitpunkt war er in gehobener Position bei der Bahn (wie grotesk!) und wollte zur Dienstberatung nach Chemnitz fahren. Die Umstände in unserer Familie waren denkbar ungünstig, um das vorsichtig zu formulieren. Er war in zweiter Ehe verheiratet und der Kontakt zu uns Töchtern eher unterkühlt (auch gemacht worden und von ihm so gewollt).
    Nichts konnte korrigiert werden. Nie wieder. Es war vorbei. Dieser „Zug war abgefahren“ – wie passend. Nach einer sehr schwierigen Zeit der Trauer verlor ich, die ohnehin schon immer mehr mit Worten weinte, die Fähigkeit zu weinen.

    Niemand kann seine Trauer auf Dauer wegschließen. Unsere Seele ist geduldig, doch auch unerbittlich. Vom psychologischen Standpunkt her gibt es viele Möglichkeiten, wie sich die Seele ihren Weg suchen könnte: mit psychosomatischen Beschwerden, sogar mit Aggressionen, mit Schlafstörungen, Suchtverhalten und mit vielen anderen Möglichkeiten schafft sie es. Bei jedem könnte es anders sein – könnte, nicht muss.
    Kennst Du imaginäre Übungen („Imaginationsübungen)? Diese sind sehr hilfreich. Ich fand es anfangs albern, muss ich zugeben. Doch mit der Zeit konnte ich sie im Alltag in der Vergangenheit anwenden und Dinge wegschließen. In der Psychologie wendet man das überwiegend in der Traumatherapie an. Wenn man die richtigen Übungen auswählt, sind sie auch in der Trauerbewältigung sehr effizient.

    Ach, ich hoffe, ich habe mich nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt. Fühl Dich umarmt, Julita.

    Herzlichst,

    Sylvia

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Sylvia,

      danke für Deine offenen Worte. Strafbar hin oder her … wenn ich vorher gewusst hätte was auf ihn zukommt, hätte ich ihn persönlich in ein 20 Etagen Hochhaus getragen, damit er springen kann. In Wirklichkeit war es noch krasser, weil man in diesem Land nicht Selbstmord begehen darf. Wenn man eine Gefahr für sich selber oder andere darstellt, muss man eingewiesen werden.

      Die Pfleger hingen ihn, wenn er ins Delirium fiel an den Kochsalzlösung-Tropf. Wenn er wieder kam zu sich, riss den Zugang heraus und fing wieder von vorne an. Ich kann ihnen noch nicht einmal einen Vorwurf machen, sie hätten nicht anders handeln dürfen. Trotzdem – es verlängert den Prozess um ein vielfaches. Viele unnütze Schmerzen und Leiden. Am Ende habe ich es dann doch noch geschafft, mit seinem Arzt zusammen, dass sie endlich aufhörten und der Sterbeprozess zum wiederholten mal aber endlich und endgültig beginnen durfte.

      Und dann saß ich da und wartete auf seinen Tod. Es war nicht immer einfach, zumal mit dem Delirium sich auch seine Wahrnehmung änderte. Zwei Tage davon musste ich in der letzten Zimmerecke sitzen, damit er mich nicht sieht. Er hielt mich für den Teufel, der ihn holen wollte. So regierte er auch. Anyway. Auch das sind nur Randerscheinungen. Das ganze Paket habe ich irgendwo versteckt.

      Als Traumatherapie kenne ich nur das Eye Movement. Ist das sowas? Im Internet konnte ich nichts auf die schnelle finden. Das würde mich interessieren. Mein Arzt hatte mir damals die Eye Movement Methode ans Herz gelegt, weil ich die ganze Zeit mi hohem Blutduck zu kämpfen habe.

      Kannst du mir Literatur oder Videos zum Thema empfehlen?

      Lieben Gruß
      Julusch

      Gefällt 1 Person

      • Liebe Julita, es ist für mich noch immer unfassbar, was Du beschreibst. Im Übrigen bin ich eine Befürworterin der Sterbehilfe und empfinde es als unmöglich, dass diese in D nicht erlaubt ist. Wie kann es sein, dass die Würde des Menschen – laut GG – unantastbar sein soll, jedoch dieselbe ihm genommen wird. Viele Menschen wünschen sich ganz einfach, in Würde gehen zu dürfen, damit die Angehörigen sie noch in der Erinnerung behalten, wie sie vor dem Eintreten einer schweren, unheilbaren und todbringenden Krankheit waren – vorallem in dem Leid, welches die Sterbewilligen erwartet.

        Ich schicke Dir hier mal mehrere Links.
        1.
        http://www.blumenwiesen.org/imagination.html

        Mir hat nach einigen Übungen damals geholfen:
        Der innere, sichere Ort
        Die inneren Helfer

        Diese beiden Übungen findest Du sogar als Text. Hast Du eine gute Freundin mit angenehmer Stimme? Dann könntest Du sie das sprechen lassen (auf Band?) und dann immer wieder alleine diese Übungen machen.

        Doch Frau Reddemann bietet auch CDś an (vielleicht findet man sie auch auszugsweise auf YouTube?).

        Mir half damals auch die Baumübung und der Tresor.
        Die Ärztin – Frau Dr. Ludwig – hat hier Empfehlungen gegeben:

        http://www.ludwig-ulrike.de/docs/imaginationsuebungen_tipps_und_tricks.pdf

        Wichtig ist, liebe Julita: Setz Dich dabei nie unter Druck (es kann sein, die ersten Male funktioniert es nicht – die Damen erwähnen das auch so) und bekommt Dir eine Übung so gar nicht, dann lass sie bitte weg. Jeder Mensch reagiert ja anders auf diese Übungen.

        Ich hoffe so sehr, Dir weiterhelfen zu können und ich schau immer wieder gern bei Dir herein und bin gespannt. Du kannst mir auch jederzeit eine Mail schreiben:
        sylvia-kling@gmx.de

        Hab es gut und alles Liebe sowie eine virtuelle Umarmung für Dich,

        Sylvia

        Gefällt 1 Person

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