Freund oder Feind: Sinnlichkeit

Sinnlichkeit bedeutet jeden Eindruck zu riechen,
zu schmecken, zu tasten, zu sehen und zu hören.
Ihn nicht auszuwerten, zu verstehen, sondern ihn
nur aufnehmen, zu spüren, zu genießen.

Sinnlichkeit ist die Kunst nicht zu beurteilen.
Sinnlichkeit ist Empfangen.
Sinnlichkeit sind Seide und Kerzenschein,
ist Amber und Zimt und frische Rosenblüten.

Sinnlichkeit ist ein Lebensweg
und Mut hat, der ihn geht.

Gestern Abend lag ich im Bademantel und Plüschsocken auf der Couch und trank einen dampfenden Pfefferminztee. Fragt ihr Euch was das mit Sinnlichkeit zu tun hat? Ich verrate es Euch.

Vor einigen Tagen hatte ich Besuch von einem alten Freund. Wir hatten einiges zu besprechen, so machte ich uns ein paar kleine Snacks zurecht, machte eine Flasche Sekt auf und freute mich auf den Abend. Nachdem das wichtigste besprochen war stand er auf, betrachtete die Bilder an meinen Wänden, sah sich um und sagte: „Die Wohnung spiegelt Dich exakt wieder. Euer Haus war schön eingerichtet, aber Deine Sinnlichkeit konntest Du dort nicht zum Ausdruck bringen.“

Er setzte sich wieder neben mich und redete sinngemäß weiter:

„Ich werde nie vergessen was Dein Anblick in mir ausgelöst hat, als ich Dich das erste mal mit einem Glas Rotwein gesehen habe. Du nahmst das Glas behutsam in die Hand, schwenktest es, hast Deine Augen geschlossen und daran gerochen. Du hast ganz tief eingeatmet, als würdest jeden nur erdenklichen Hauch des Weines in Dich aufnehmen wollen. Dann öffnetest Du ein klein wenig deine Lippen, dann die Augen und nahmst einen winzigen Schluck. Danach betrachtetest Du eine ganze Weile den Wein in Deinem Glas.“

„Findest Du, dass ich meinen Wein zu lasziv trinke?“

„Nein, sinnlich. Das machst Du bei so vielem. Als ob Du alles um Dich herum in dich aufnehmen möchtest. Du bist die sinnlichste Frau die ich kenne.“

Ich lache: „Sinnlich? Das passt nicht zu mir. Versuchst Du mich anzubaggern?“

Er lehnte sich nur zurück, lächelte und sagte: „Sag Du es mir.“

Ich weiß gar nicht wie lange ich ihn ansah oder eher musterte. Ich versuchte irgendwo den Schelm in seinen Gesichtszügen zu entdecken. Dann beugte er sich wieder zu mir vor und sagte: „Julusch, wonach rieche ich?“ Ich lächelte nur.

„Julusch, wonach rieche ich? Ich habe gemerkt, dass Du an meinem Nacken gerochen hast.“ Ich lächelte weiter: „Du riechst nach einem Hauch von Zimt und etwas das ich nicht benennen kann. Erwischt – ich habe wohl einen Schnüffel-Fetisch“

Er lacht: „Nein, du hast keinen Fetisch. Zumindest nicht diesen. Du nutzt nur immer alle Deine Sinne. Ist dir das selber wirklich noch nie aufgefallen? Du suchst immer Körperkontakt mit Deinem Gegenüber. Ich erinnere mich immer daran, wie Du strahlst, wenn Du Dein Gesicht der Sonne zuwendest und die Wärme auf Deiner Haut spürst. Außerdem habe ich Dich noch nie etwas essen sehen, an dem Du nicht gerochen hast, und dabei siehst Du bezaubernd aus. Und wenn Du einem intensiv zuhörst, dann neigst Du immer ein klein wenig den Kopf und hast ein winziges Lächeln auf Deine Lippen. Du siehst einen an, als würdest du tief in ihn abtauchen wollen, um ihn ganz nah zu sein. Sogar die Art wie Du mit Deiner Zigarette spielst, hat was erotisches.“

Ich sage nichts. Lasse meine Zigarette los und richte meinen Kopf gerade auf.

„Siehe Dich in Deiner Wohnung um. Pure Weiblichkeit und Sinnlichkeit. Wie viele Kerzen stehen hier?“
„Ich denke so an die 50 Stück vielleicht. Der Schein der Kerzen beruhig mich, ich liebe es. Es macht alles so weich.“
„Weich oder sinnlich?“
„Einigen wir uns auf romantisch?“
„Julusch die Romantikerin?“

Ich lache: „Du hast recht, dass passt noch weniger.“

Wir wechselten das Thema und er ging etwa eine Stunde später. Seit dem Abend hallt das Wort in meinem Kopf nach. Sinnlichkeit.

Natürlich habe ich noch an diesem Abend Wikipedia befragt: „Als Sinnlichkeit bezeichnet man umgangssprachlich die Hingabe an das angenehme Erleben durch die Sinne. Oft wird Sinnlichkeit auch als eine Form von Erotik gesehen, ist aber nicht darauf beschränkt. Durch die geöffneten Sinne kann man das Schöne und Anregende dieser Welt erfahren. … Sinnlichkeit ist neuro-biologisch die Fähigkeit, Sinneswahrnehmungen mit Sexualität im Unterbewusstsein zu assoziieren. (Marc Chatenieu: Die sogenannte Sünde)“

Jedenfalls fing ich an, mich in den letzten beiden Tagen, bei den kleinen alltäglichen Dingen zu beobachten, und natürlich auch über meine Sinne nachzudenken. Aber vorne weg eine offene Frage in die Runde: Wenn ihr da draußen eine gut aussehende Person kennenlernt, oder gar schon länger oder lange kennt, beginnt ihr Euch nicht auch irgendwann zu fragen, wie diese Person riecht und ob ihre Haut salzig oder süß schmeckt? Das ist eine durchaus ernst gemeinte Frage.

Ich fange an: Ja, ich rieche an gut aussehenden Männern herum. Aber ich springe sie nicht an und lecke ihnen quer über das Gesicht. Also alles noch im Rahmen. Und die Tatsache, dass ich das nur mit (in meinen Augen) attraktiven Männern mache, zeigt wohl das mein Unterbewusstsein das irgendwie sexuell verarbeiten möchte, und mich dazu nötigt. SKANDAL – ich werde genötigt.

Zurück zu den letzten Tagen. Ich war unfassbar überrascht wie oft am Tag ich meine Sinne für Sachen nutze, für die ich sie nicht brauche. Und vieles davon kann ich hier noch nicht einmal reinschreiben. Macht doch mal den Selbsttest und achtet mal einen Tag lang auf Eure Sinne. Vielleicht werdet auch ihr überrascht sein.

Startet einfach damit, dass ihr Euch eine Dose Coke kauft.

Wenn in meiner Nähe eine Dose Coke geöffnet wird, dann flehe ich fast regelrecht darum, den ersten Schluck zu bekommen. Man hört dann noch die Kohlensäure aufsteigen und beim ersten Schluck kitzelt sie noch so schön am Gaumen, während die süße Cola sich im Mund ausbreitet. Das ist wunderbar. Probiert es aus. Der erste Schluck ist fast wie guter Sex.

Und jetzt schließe ich den Kreis zum Anfang. Gestern hatte ich Lust auf einen Pfefferminztee. Irgendwie passte es nicht so richtig in die Stimmung, also ging ich erst in die Wanne und machte mir danach den Tee. Ich setzte mich auf die Couch und es fiel nur etwas Licht durch mein Surface (Yeah! Product Placement) in den Raum. Im Hintergrund brannten einige Kerzen und es spielte leise Musik.

Der Duft des Tees war schon fast betörend, und ich genoss ihn wirklich mit allen meinen Sinnen. Wirklich, diese Teestunde hatte etwas erotisierendes.

Alles liebe.
Eure Julusch

9 Gedanken zu “Freund oder Feind: Sinnlichkeit

  1. Ich rieche auch sehr gerne und intensiv und kann mir Parfums merken. Kürzlich war eine junge Frau vor mir an der Kasse im Supermarkt und die trug das Parfum des wunderbarsten Menschen… es war magisch irgendwie und ich erinnerte mich an viele wunderschöne, magische Momente…
    Liebe Grüsse
    Thomas

    Gefällt 1 Person

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