Freund oder Feind: Das Opferlamm

Es dauert etwa zwei Millisekunden, da stand der Titel für diesen Beitrag fest. Geht es hier um Opferlämmer? Nein, nicht wirklich.

Ich würde Euch gerne eine Geschichte erzählen, eine Geschichte die mir in genau dieser Form zugetragen wurde.

Es geht um den Freund eines Freundes, deren Cousin dritten Grades, deren Schwester der Nachbarin, die die Hundetrainerin der hier erzählenden Frau war. Na ja, ihr wisst wie das funktioniert.

Diese Frau, nennen wir sie einfach B-Hörnchen, erzählte mir über den Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder von ihrer Beziehung mit dem A-Hörnchen. Es war ein auf und ab, wie in fast allen Beziehungen. Zumindest soweit ich es als Außenstehende beurteilen kann. Ich möchte hier auch nicht auf die Beziehung an sich eingehen, sondern auf die Besonderheit des A-Hörnchens.

In der Rubrik Freund oder Feind, beschäftige ich mich gerne mit Emotionen, Sonderheiten, diversen psychischen Krankheiten, mit verwirrten oder schrägen Vögeln. Mit schreienden Männern und tobenden Frauen. Mit Müttern, die den Namen nicht verdienen oder einfach nur mit Menschen, die mir durch eine Besonderheit aufgefallen sind. Leider viel zu selten, durch positive Besonderheiten. Und das A-Hörnchen ist ein Paradebeispiel dafür.

Zurück zu unserer Geschichte. Die beiden lernten sich vor einigen Jahren kennen, und kamen gut miteinander aus. Nicht mehr und nicht weniger. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, trafen sich gelegentlich bei der Arbeit und tauschten sich auch über Privates aus. Während einer dieser Gespräche klage das A-Hörnchen dem B-Hörnchen sein Leid.

Der Freundeskreis, in dem er sich bewegte, war sehr groß. Es gab noch kein WhatsApp, kein Facebook oder eines der anderen heute typischen Social Media Channels. Wenn man etwas abstimmen oder planen wollte, musste das Telefon herhalten oder die gute alte SMS herangezogen werden. Dementsprechend war – z.B. eine Planung für den Samstagabend – recht aufwendig.

Das A-Hörnchen übernahm sehr oft für alle die Planung. Er organisierte, informierte und setzte um. Er selbst Tat sehr viel dafür, damit der Freundeskreis zusammen blieb, man sich nicht aus den Augen verlor oder gar getrennte Wege ging. Er war der „Kitt“ in der Gruppe. So, oder so ähnlich formulierte er es selber. Aber er tat es gerne, auch wenn alles immer an ihm hängen blieb. Das einzige was ihn wirklich störte war die Tatsache, dass er nie ein „Danke“ oder gar ein Lob hörte. Mal ehrlich, das war schon eine ziemlich miese Nummer seiner Freunde.

Die Zeit verging und irgendwann wurde das A-Hörnchen und das B-Hörnchen zu einem Paar. Ich traf mich mit dem B-Hörnchen auf einen Tee, und das Gespräch kam irgendwann beim A-Hörnchen an. Er war nicht sehr zufrieden mit seinem Arbeitsplatz. Die Arbeit machte ihm zwar Spaß, aber er war einer der wenigen, die überhaupt was arbeiteten. Während der Geschäftsführer lieber in der Welt herumfuhr, und auch die Kollegen vor Motivation nicht gerade vom Stuhl fielen, versuchte er die Geschäfte oder Aufträge oder was immer sie da auch machten, irgendwie zu stemmen. Er ließ sich also wieder, wie damals in seinem Freundeskreis, von allen ausnutzen. Er rotierte so schnell er konnte und dennoch kam vieles ins Stocken. Schade eigentlich. Er war ein sympathisches Kerlchen, aber wohl einfach zu verantwortungsbewusst oder einfach zu nett.

Die Monate oder eher Jahre zogen ins Land und mich erreichte die freudige Nachricht, dass das A- und das B-Hörnchen heiraten würden. Mich freute das sehr, denn sie waren gut füreinander. Ich erklärte mich natürlich auch bereit, bei der Planung zu unterstützen. Bei einer Hochzeit gibt es ja mehr als genug zu tun. Eine Trillion Kleinigkeiten und auch den einen oder anderen großen Brocken.

Eines Nachmittags saß das B-Hörnchen auf meinem Küchenstuhl über einer dampfenden Tasse Tee und wirkte recht verloren. Ich fragte natürlich was passiert sei, den eine zukünftige Braut sollte nicht so zerknirscht herumlaufen. Es lief in etwa so ab:

„Als das A-Hörnchen gestern von der Arbeit kam, war er ziemlich aufgebracht.“
„Warum, was ist passiert?“
„Er fing an mir Vorwürfe zu machen.“
„Was? Vorwürfe? Wegen was?“
„Er würde für uns doch immer so viel arbeiten. Und dann würde ich ihm noch die ganze Planung der Hochzeit aufbürden.“
„Oh je, was hast du ihn denn alles machen lassen? Warum hast du mir nicht noch etwas gegeben?“
„Das ist es ja. Er hatte bei der ganzen Planung nur eine einzige Aufgabe. Er sollte jemanden finden der in der Kirche singt.“
„Wie jetzt? Sonst nichts?“
„Nein.“
„Hast du ihn gefragt was er meint?“
„Ich sagte ihm, dass ich das nicht verstehen kann, er müsste doch nur einen Sänger finden. Was wären den die anderen Punkte?“
„Und was sagte er? Jetzt bin ich echt gespannt.“
„Ihm fiel keine weitere Aufgabe ein, die er machen sollte. Er konnte nichts mehr aufzählen.“
„Ach, und hat er sich entschuldigt?“
„Nein, er ließ mich einfach stehen und ging.“

Da saß es nun, das B-Hörnchen. Saß auf meinem Küchenstuhl und verstand die Welt nicht mehr. Es war das erste Mal, so sagte sie mir, dass sie an ihm zweifelte. Es kam ihr wohl vor, als wäre das plötzlich ein ganz anderer Mensch. Sie sah eine Seite an ihm, die ihr trotz der ganzen gemeinsamen Jahre, völlig fremd war. Und die Frage kam auf, wie viele seiner vorherigen Vorwürfe, den Freuden gegenüber, den Arbeitskollegen und auch der Familie gegenüber, überhaupt bestand hatten.

Ich setzte neues Teewasser auf und wir schoben seine Entgleisung auf den Stress, das Lampenfieber, die Torschlusspanik und weiß was ich noch alles, was man vor einer Hochzeit so durchleben kann.

Diese Geschichte hallte jedoch in meinem Kopf nach. Es war wie ein Jucken im Kopf. Irgendwas das man nicht greifen kann, aber auch einfach nicht weggeht. Bis heute.

Es kam wie es kommen musste. Eines Tages kam das A-Hörnchen nach Hause und legte richtig los.

Er hatte alles so satt. Er hatte es satt, dass er in diese Beziehung immer nur investiert und das B-Hörnchen nichts tat. Er hatte es satt, dass alles immer an ihm hängen blieb. Er hatte es satt von ihr ausgenutzt und ausgebeutet zu werden. Er hatte es satt, dass er als einziger Verantwortungsbewusstsein hat. Er hatte es satt, dass alles immer nur nach ihrem Kopf geht.

Und dann holte er die große Emotionale Keule raus, und zeigte dem B-Hörnchen, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn er WIRKLICH VERLETZEN will.

Sie erzählte mir mit einer überraschenden Ruhe davon, während mir tausend Fragen durch den Kopf gingen.

„Hast du mit ihm über die Vorwürfe gesprochen?“
„Hast du ihn um Beispiele gebeten?“
„Wie hat er reagiert?“
„Wie geht es jetzt weiter?“
„Hatten seine Vorwürfe eine Berechtigung?“
„Hast du das kommen sehen?“
„Holt ihr Euch Hilfe?“
„Kann ich etwas tun?“

Sie holten sich Hilfe. Sie versuchten vieles, aber alles ohne Erfolg. Er war in seiner Welt gefangen. Er sah nur eine Wahrheit – seine.

Diese Ehe ist am Ende, diese Beziehung ist am Ende, und es gibt eine intakte Familie weniger in dieser Welt.

Als ich vorgestern beschloss diese Geschichte nieder zu schreiben, wollte ich mich vorher schlau machen, wie man ein solches Verhalten nennt. Als was bezeichnet man einen Menschen, der offenbar an einem Realitätsverlust leidet? Nicht im klassischen Sinne, sondern nur in diesem ganz speziellen.

Was ist das? Selektiver Realitätsverlust? Eine Warnehmungstörung? Dissoziale Persönlichkeitsstörung? Was bringt einen Menschen dazu, sein Lebensbild so zu verzerren? Wie kann man am Rande der Erschöpfung agieren, ohne wirklich etwas zu tun? Warum kann das A-Hörnchen nicht sehen, was andere leisten und wie verletzend er durch sein Leben geht? Ich fand keine Antwort auf meine Fragen, bis auf einen kleinen Eintrag bei gutefrage.net, der es sehr gut beschreibt.

  • Die Personen können die Folgen ihres Tuns oft/meist nicht erkennen und schaden sich damit selbst. Schuld sind aber, nach deren Meinung dann meist jedoch andere…
  • Die Personen verdrehen die Wahrheit unbewusst in ihrem Sinne, so dass sie für sich unangenehme Wahrheiten nicht realisieren müssen bzw. keine Verhaltensänderung erforderlich wird…
  • Sie verleugnen ihre Lügen oder ihr falsches Tun auch dann noch, wenn dieses bereits nachgewiesen ist.

 

Eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, wurde dort als Diagnose angeboten, aber die Antwort erscheint mir nicht ganz passend. Habt ihr Vorschläge?

In seinen Augen trägt er die Bürde der ganzen Welt auf seinen Schultern. Nur das traurige dabei ist, dass diese Welt nur aus ihm besteht, und er nicht fähig ist, dies zu realisieren.

Wie schließe ich diesen Beitrag nun ab? Mit guten Wünschen? Einem aufmunternden Schulterklopfen? Einer warmen Umarmung? Was sagt man den Menschen, wenn der Boden unter ihnen weggezogen wird, und die Existenzangst jeden Tag an die Tür klopft. Kopf hoch? Wird schon gehen? Immer schön positiv denken?

Da geht wohl nur eines: Für ebbes is‘ es immer gut!

Eure Julusch – immer noch.

5 Gedanken zu “Freund oder Feind: Das Opferlamm

  1. hm… vielleicht eine große Portion Egoismus und NULL Empathie. So würde ich das nennen.
    Wenn diese Menschen wirklich einmal das leisten müssten, was andere leisten, würden sie am Rad drehen. Burnout. Umfallen.
    Es tut mir sehr leid für das B-Hörnchen. Aber besser ein Ende mit Schrecken als andersrum.

    Ganz liebe Grüße!

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  2. Eine von bestimmt vielen ähnlichen traurigen Lebenserfahrungen.
    Aus meinem ganz persönlichen Erleben heraus tippe ich auf das Durchdrücken eines anderen Lebens, woran sowohl die Person selbst als auch die leiden, die sich mit ihm in einer Beziehung befinden, weil es einfach nicht in dieses Leben gehört und doch, solange unerkannt, sein „Unwesen“ treibt.
    Aber mit dieser Sicht erscheine ich womöglich recht schräg. Seis drum, das ist meine ehrliche Meinung.

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    • Schräg gibt es in diesem Fall nicht. Seine Meinung nicht offen vertreten zu können, dass wäre schräg. Das ist ja das Schöne an uns. Wir sind alle unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Empfindungen – und das macht das Leben schön.

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