Freund oder Feind: Von Enten, Raupen und anderem brennbaren Material

Eines meiner letzten Wochenenden war erfüllt mit Staunen, schmerzenden Füßen, Frustration, Glück, vielen Gerüchen und noch mehr Menschen. Ich hatte Besuch aus dem Land der geknechteten. Das Land der armen Seelen und seltsamen Menschen. Das Land, in dem es fast immer Sonntag ist, und ein sonniger noch dazu.

Viele Menschen brauchen gelegentlich eine Veränderung. Einige wechseln ihren Job, wieder andere den Lebenspartner oder die Wohnung. Aber es gibt auch die Menschen, denen Veränderungen Angst machen. Sie sitzen in ihrem Strohhäusschen, und beobachten die Welt aus ihrem kleinen Fenster. Die Welt der Anderen, der Größeren, der Besseren und der Schöneren.

Wir hatten einen stürmischen Frühling, mit vielen Winden und Unwettern, so dass einige der Strohhäusschen auf einem ziemlich wackeligen Fundament standen. In einem dieser Häusschen wohnte ganz zufällig jemand, den ich kenne und als Freundin bezeichnen würde, nennen wir sie einfach Fifer.

Eines Tages bemerkte ich, dass Fifer Mut zu kleinen Veränderungen zeigte. Sie streckte ihr Nässchen ganz vorsichtig aus ihrem kleinen Strohhäusschen heraus. Und somit sah ich meine Chance kommen. Ich nahm all meine Kraft zusammen, legte die Zigaretten zur Seite und fing an, so fest ich konnte, gegen das Häusschen zu pusten. Es war erstaunlich für mich zu sehen, dass ich dafür gar nicht viel Kraft aufwenden musste.

„Upps und oh je, dass Haus ist kaputt gegangen! So eine Tragödie! Wie konnte das nur passieren?“

In ihrer Not, konnte ich sie natürlich nicht alleine lassen, und habe zugesagt, dass Haus gemeinsam mit ihr wieder aufzubauen. Weil ich aber anders bin als andere, habe ich direkt mit dem Dach angefangen und nicht mit dem Fundament. Und schon ging die Diskussion los.

„Welche Dachschindeln wollen wir auf das neue Haus legen?“
„Rote. Rote glänzende Dachschindeln.“
„Wirklich?“

Leider musste ich das kategorisch ablehnen. „Fifer, schau‘ doch mal. Wenn wir ein rotes Dach nehmen, dann sieht man jeden einzelnen Taubensch…s darauf. Auch eine passende Fassade wird schwer zu finden sein. Es soll doch harmonieren.

Der Dachdeckermeister, der sich die Szenerie lächelnd angesehen hat, griff nun ein und legte uns viele schöne Musterschindeln vor. Am Ende, und durch eine gute Beratung, einigten wir uns auf schöne braune Schindeln, mit einem leichten Sommerglanz. Bei dieser Gelegenheit, veränderten wir auch gleich den Aufbau des alten Daches. Das Ergebnis war wundervoll.

Beflügelt machten wir uns nun daran, das Baugerüst hochzuziehen. Das alte Stroh war muffig geworden, ausgeblichen und wertlos. Wir wollten unter dem schönen Dach ein kleines Holzhaus bauen. Mit viel Platz zum entfalten, für die kleine Fifer.

Wir schleppten Baumaterial auf unendlichen vielen Kilometern von einem Baumarkt und anderen. Ganz langsam hatten wir fast alles zusammen, was wir brauchten. Also fingen wir an zu Bohren, Sägen, Hämmern und zu streichen. Aus vielen kleinen Streben, Einfassungen für die Fenster, Erkern und Holzschnitzereien, erschufen wir gemeinsam herliche Außenwände.

Es war wirklich, wirklich sehr anstrengend gewesen, aber …

Am Ende war das Haus endlich fertig, und Fifer konnte ihr neues Heim im ganzen betrachten. Ich glaube nicht, dass sie auch nur eine grobe Vorstellung davon hatte, wie viel Schönheit und auch wie viel Stolz in so einem kleinen Strohhäusschen liegen können, wenn man ein paar schöne Holzpalisaden darum baut.

Sie sah glücklich aus und nur darauf kam es an.

ENDE

Ich möchte dir gerne noch etwas auf den Weg mitgeben, was wirklich sehr, sehr wichtig ist. Den größten Teil deines Leben wurde dir suggeriert, dass du nicht viel Wert bist. Du bist nicht intelligent genug, nicht begabt genug und vor allem nicht schön genug. So lange, bis du es eines Tages selber im Spiegel sehen konntest und es glaubtes. Und von dem Moment an, hast auch du dich immer wieder dazu gezwungen, dies niemals zu vergessen. Dafür brauchte es nun keine anderen Menschen mehr.

Seit vielen Jahren kenne ich dich, seit vielen Jahren beobachte ich deine Veränderung. Schritt für Schritt, und in winzigsten Schritten aus dem kleinen Strohhäuschen heraus. Doch oft sehe ich auch, wie du dich immer wieder zwingst keinen Schritt mehr zu machen, dich sogar regelrecht in das Häusschen zurück schubst.

Kannst du dich an den Moment vor dem Spiegel erinnern, als du als komplett anderer Mensch vor dir gestanden hast? Die Frau die du gesehen hast, sie hat die Kraft für sich selber einzustehen. Und vor allem hat sie die Kraft zu entscheiden, wie es weiter geht.

Wenn man ein geprügeltes Kind war, dann wird das in einem nie ganz weg gehen. Aber diese Frau kann jetzt entscheiden, ob sie dieses Kind in ihre Arme nehmen will um es zu trösten, um ihm seine Schwächen zu verzeihen oder ob sie es auch weiterhin verachten will.

Es wird Zeit, der kleinen Fifer in dir, endlich Schutz und Halt zu geben. Heute sitzt sie, vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, auf ihrem Strohlager und schaut mit großen und glücklichen Augen, die schön gearbeiteten Holz-Palisaden an. Könntest du wirklich zulassen, dass es ihr genommen wird?

Es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das Holz nicht brüchig wird oder verfault. Du bist diejenige, die erhobenen Hauptes aufstehen muss, wenn jemand versucht die Palisaden einzureißen. Es ist deine Aufgabe, ihr die große Angst von der Welt zu nehmen. Es ist deine Aufgabe, JETZT und für IMMER, für sie da zu sein.

Sie hat in den letzten 35 Jahren so viel schlimmes erlitten, auch durch dich verursacht. Ihre Wunden können heilen, ihre Narben nicht. Und von daher, werden wir Steine suchen gehen. Große Steine. Bessere Steine. Schöne Steine.

Beende ihr Leiden und schenke ihr endlich, was sie so sehr in ihrem Leben braucht. Deine Liebe. Du bist es ihr schuldig.

Burn Baby, burn!

Ein Gedanke zu “Freund oder Feind: Von Enten, Raupen und anderem brennbaren Material

  1. Es war echt verdammt Stürmisch und so ein Strohhaus gammelt nach so vielen Jahren und es braucht tatsächlich und (erstaunlicherweise) nicht viel um es einzureißen.
    Aber so wie die Farbe der Dachziegel mit entscheidend für die Fassade ist, war eines noch wichtiger. Der Dachboden musste vorher gründlich umgekrempelt und entrümpelt werden damit die Fassade zur Wohnung passt, sonst mag die Fifer nicht in diesem hübschen Häuschen wohnen!
    Diese Entrümpelung, Neusortierung, Neuordnung erforderte die meiste Zeit. Somit ist die neue Fassade das sogenannte i-Tüfelchen das noch gefehlt hat. Quasi das Krönchen.

    Ja, du hast es nicht immer leicht gehabt mit mir und der lieben Fifer, der Tanz wollte nicht immer im Takt der Pfeife gehen. Du hast durchgehalten und uns so unendlich geholfen auf unserem Weg zu gehen, kleine Schritte und mit kleinen Umwegen.

    Sodele, und dann kam die Fassade. Und es ist sooo gut geworden…

    Ich habe ein Versprechen gegeben, Fifer soll sich in diesem neuen Haus wohl fühlen, sie soll sich zurücklehnen können und einfach nur das Sein genießen können. Und ich werde alles dafür tun, das sie das auch weiterhin nach so langem Fristen in diesem Strohhaus tun kann!
    Die Fassade wird gepflegt, die Schrauben poliert, die Ziegel pfleglich gegen Witterung geschützt, der Außenanstrich immer frisch erneuert.

    Fühle dich eingeladen jederzeit auf ein Tässchen Tee vorbei zu kommen und Schwätzchen zu halten.

    Ich hab es nicht so mit Worten, und ich denke mit Worten lässt es sich nicht annähernd ausdrücken wie mein Empfinden ist.

    Dankbarkeit, das ist spontan das Erste was mir einfällt. Dankbarkeit für deine Hilfe, deine Hartnäckigkeit und Beha(a)rrlichkeit, mit der du dein Vorhaben durchgezogen hast.

    Liebe Julusch es ist ein Privileg dich meine Freundin zu nennen!

    Es brennt, und wie es brennt!!

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