Freund oder Feind: Das kleine und das große Nein!

Manchmal fügen sich die Rädchen ineinander und bringen etwas zum Rollen. Meine Erinnerungen hatten mich seit dem Ordnen meiner Andenkenkisten lange im Griff gehabt. In diesem Beitrag hatte ich darüber geschrieben, und begann ihn mit einem Zitat.

„Es heißt, das Jene, die sich an die Vergangenheit nicht erinnern, dazu verdammt sind, sie zu wiederholen.
Doch die von uns, die sich weigern die Vergangenheit zu vergessen, müssen sie erneut durchleben.“

Während des ausmisten der Kisten, las ich einige alten Briefe, meines letzten Lebenspartners. Dabei stellte ich überrascht fest, dass dort viele Sachen standen, die unsere Beziehung nicht ganz in dem Licht zeigten, in dem ich sie immer gesehen habe. Ich las seine Worte, wie schon vor vielen Jahren, nur diesmal mit einem reiferen Kopf und einem anderen Bewusstsein. Plötzlich ergab sich ein anderer Kontext, eine erweiterte Sicht, und ganz andere Emotionen und Gedanken folgten.

Auf zu viele Details möchte ich hier nicht eingehen, aber in dem Moment wurde mir klar, dass es für mich höchste Zeit wird, um Stellung zu beziehen. Und vor allem, war es höchste Zeit, für eine Entschuldigung. Ich war es ihm schuldig. Würde es ihn heute noch interessieren? Ich bezweifele es, aber schaden würde es sicher auch nicht. Über die Form der Entschuldigung musste ich nicht nachdenken. Ich hatte ihn seit vielen, vielen Jahren nicht gesehen und seit einigen Jahren auch nicht mehr gehört. Ändern wollte ich daran nichts. Es würde auch ganz klassisch, auf dem schriftlichen Weg gehen.

Wenige Zeit danach, machte ich mich mit einer Freundin, auf den Weg zu einem Konzert. Wir hatten diesen Abend seit Tagen geplant, wieder verworfen, wieder in Erwägung gezogen, und gänzlich gestrichen. Nun denn, am Ende sind wir also doch hin gegangen. Die Band spielte, ich hatte Spaß, traf liebe Bekannte und Freunde, und freute mich auf den Rest des Abends.

Und dann war er plötzlich da. Der Mensch, der in meiner persönlichen Erinnerungskiste, den meisten Platz einnimmt. Der Mann, der die erste Hälfte meines Lebens prägte und begleitete. Und von dem nichts blieb, außer die Erinnerung. Die Erinnerung an einen großen Haufen an Liebe, der sein letztes Dasein in einem braunen Schuhkarton fristet.

Hätte dieses Aufeinandertreffen hier Erwähnung gefunden, wenn ich den Karton nicht kurz vorher aufgeräumt hätte? Sicher nicht.

Aber da stand er nun, und ich zog mich erstmal zurück. Wenige Tage zuvor, wäre ich einfach hingegangen, hätte ihn begrüßt, wir hätten geredet und wären wieder unserer Wege gegangen. Hätte, hätte Fahrradkette. Ich hatte meine Erinnerungskiste, einfach zu einem falschen Zeitpunkt geöffnet. Mist.

Ich beschloss, mich an meinen Plan A zu halten, und mich an diesem Abend unauffällig in den Ecken herumzudrücken. Es klappte hervorragend, bis ich die Toilette aufsuchte, und ihm auf dem Rückweg genau in die Arme lief. Mist.

Nun, dann musste es wohl auf diese Art und Weise sein – ein persönliches Gespräch. Meine Herausforderung bestand nicht darin, mich zu entschuldigen, sondern ihm zu erklären, warum ich mich entschuldigen muss. Ein alter Kopf sollte einfach keine jungen Briefe lesen.

Wir gingen vor die Tür, stellten uns etwas abseits und redeten. Wir sprachen über allgemeinen Sachen, dann über den Job und unsere Kinder. Dann sagte ich es einfach:

„Ich habe letztes meine Erinnerungskiste ausgemistet. Erinnerst du sich noch an meinen braunen Karton?“
„Ja klar.“
„Ich habe darüber und über dich geschrieben.“
„Wo geschrieben?“
„Das spielt keine Rolle, aber ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich habe dir Unrecht getan.“
„Das ist ja interessant.“

Er sagte noch ein zwei Sätze, die nicht in meinem Kopf blieben, oder besser gesagt, mir der Bezug hier gänzlich fehlt. Aber so viel weiter kamen wir nicht. Ich brach das Gespräch ab, und wir gingen wieder rein. An der Tür wünschte ich ihm noch einen schönen Abend, und ließ ihn stehen. Das nenne ich mal wieder eine Glanzleistung, Frau Kamann. Damit gewinnt man keine Waschmaschine.

Ja, ich hatte mich entschuldigt. Aber ihm nicht gesagt warum und weshalb, und ihm auch nicht die Absolution erteilt. Denn bei so einigen Punkten in unser Beziehung, hat er sie mehr als verdient. Was ist so eine Entschuldigung wert? Da ist wohl jeder anders, aber ich möchte schon wissen, für was sich Menschen bei mir entschuldigen. Damit ich auch für mich entscheiden kann, ob ich sie annehme oder eben nicht.

Geht es mir jetzt besser? Hat diese Entschuldigung bei mir etwas bewirkt? Nein, kein Stück.

Und während ich diese Zeilen schreibe, denke ich darüber nach, ob es nicht umgekehrt ist. Vielleicht ist das, was ich mir so sehr Wünsche, einfach nur seine Absolution. Sollte es stimmen, dann ist es schon traurig, wenn man für eine dermaßen große Erkenntnis, ganze 13 Jahre und 10 Monate benötigt.

Ich sagte nie, dass ich die Schnellste bin.

„Wir sprechen mit gedämpfter Stimme, um die Erinnerungen nicht aufzuwecken. 
Die Dinge die wir taten und weiterhin tun, aus Angst den Kreislauf zu unterbrechen.
Wie leidenschaftlich waren wir in unserer Jugend, als wir nicht fürchten müssten, unseren Halt zu verlieren.

– Abstammung, Revenge –

11 Gedanken zu “Freund oder Feind: Das kleine und das große Nein!

  1. Pingback: Freund oder Feind: Westentaschenlügner | Julusch's Blog über die Leichtigkeit des Seins und andere gravierende menschliche Irrtümer

  2. Eine erweiterte Sicht über etwas zu erlangen ist immer gut, egal wie lange es bis dahin gedauert hat. Sie kommt, wenn die Zeit dafür ist. Auch das sind kleine Wunder für mich, wenn sowas eintritt, einfach so.

    Du wirst die Möglichkeit finden, diese Sache für dich stimmig zu bekommen, wenn die Zeit dafür da ist.

    Ich habe an vergangenen Beziehungen oft und viel geknabbert und es dauerte auch oft lang, bis die Sache für mich rund wurde. In einem Fall Jahrzehnte. Aber wichtig ist, dass es dann innerlich für mich stimmte und all die aufgeladenen Gefühle, die bis dahin im Raum gehangen waren und immer mal wieder anklopften und mich beschäftigten, neutralisiert waren.

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    • Liebe Marion,

      gestern habe ich mir überlegt, dass es für dich sicher ein kleines Wunder ist, was eingetroffen ist. Jedoch eher auf den Zeitstrahl bezogen, als auf meine Erkenntnis. Ich hatte die Briefe seit 15 – 25 Jahren (je nach Alter der Briefe) nicht mehr in der Hand, und ihn auch bestimmt schon 10 Jahre nicht mehr gesehen.

      Das beides dann gleichzeitig passiert, dass war schon eine Herausforderung für mich.

      Aber immerhin weiß ich jetzt, dass es nicht um Absolution geht. Ich habe mit dem Gedanken gestern viel gespielt, und er holte mich nicht gänzlich ab.

      Ich werde noch ein wenig darauf „herumkauen“ und irgendwann die Antwort finden.

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      • Liebe Julusch,

        du hast Recht, ich hab die Zusammenhänge in deinem Leben, die du oben beschreibst, als kleines Wunder empfunden. Und manchmal spielen bei solchen Alltags-Wundern für mich Synchronizitäten eine Rolle. Das war hier eindeutig der Fall. Verschiedene Puzzleteile ein- und erselben Sache treffen aufeinander, ohne dass das geplant worden wäre, es entsteht einfach so. Und dadurch eine Gelegenheit für einen selbst. Dass für dich auch die Zeit gerade reif war, durch das Lesen der alten Briefe eine erweitere Sicht auf das Ganze zu bekommen, gehörte dazu.

        Die Herausforderung, die für dich dadurch entstanden ist, war deutlich zu spüren, allerdings kann ich die Ursache davon nicht orten. Der Grund liegt wohl im bewusst an dieser Stelle Ungesagten.

        Gut, dass du einen Schritt weiter gekommen bist und eine mögliche Erklärung, es würde dir um Absolution gehen, verwerfen konntest. Jede Klarheit, die eintritt bereichert. Und bei Klarheit meine ich mentale und gefühlsmäßige in Einheit.

        Ja, du wirst in deinem Tempo vorankommen und immer besser „hindurch sehen“.

        Lieben Gruß
        Marion

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    • Nein, es ist nicht vom Tisch. Eher im Gegenteil. Ich ärgere mich, dass ich meine Chance nicht ergriffen hab. Vielleicht bin ich einfach der Typ Mensch, der immer einen sauberen Abschluss braucht. Zumindest versuche ich immer einen zu finden. Auch wenn es gelegentlich etwas länger dauert. Irgendwann in meinem Leben, werde ich auch dieses Buch final schließen. Auf die eine oder andere Art.

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  3. Es ist immer noch schwierig für mich, mit der Frau zusammen zu treffen, die ich vor über 12 Jahren verlassen habe. Ich fühle mich gehemmt, unwohl, will so schnell es geht weg. Ich frage mich gerade, ob ich gerne eine Absolution von ihr hätte. Da muss ich mal drüber nachdenken.

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      • Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich keine Absolution will.
        Das liegt zum einen daran, dass ich die damalige Trennung, obwohl ich es war, der sie vollzog, nicht als „meine Schuld“ ansehe, sondern als langer Prozess, den wir beide nicht aufgehalten haben. Aus meiner Sicht war ich sogar derjenige, der über Jahre hinweg versucht hat das Verhältnis wieder zu verbessern, während sie weiter ihre Kreise zog und meinte, es sei alles nicht schlimm.
        Und zum anderen liegt es auch daran, dass ich nicht glaube, Absolution würde meine Hemmungen vertreiben. Die haben, so glaube ich jedenfalls, nicht nur mit einem Schuldgefühl zu tun. Es ist mehr, dass ich mich bei jedem Treffen mit der Ex frage, warum in aller Welt ich mit dieser Frau so lange zusammen war und wie in aller Welt ich sie nur lieben konnte.
        Damit zeigt mir jedes Wiedersehen, dass ich meine eigene Vergangenheit nicht verstehe. Ich stelle mir dann diese „Wer bin ich eigentlich?“-Frage und fühle mich zerrissen. Und erst wenn ich weg bin, bin ich wieder ganz ich.

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